Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Lehrbuch der psychopathologischen Untersuchungs-Methoden
Person:
Sommer, Robert
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit18676/304/
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Rechenyermögen. 
Neben den Lösungen der gestellten Aufgaben kamen wesentlich 
in Betracht: 
1. Die Zeit, welche verwendet wird. 
2. Die Nebenerscheinungen speciell im phy siognomischen 
und sprachlichen Gebiet, welche oft einer Antwort erst das 
charakteristische Gepräge geben. 
Und zwar konnte ad 1 die Zeit in dreifacher Weise bestimmt 
werden 
a) in Bezug auf jede einzelne Aufgabe, bei genauen Messungen 
mit Berücksichtigung der Zwischenpausen, 
b) in Bezug auf die einzelnen Species, 
c) in Bezug auf die gesammte Leistung. 
Die Zeit konnte also entweder in mehr summarischer oder in 
mehr specialisirender Weise festgestellt werden, je nach der Lage 
des einzelnen Falles. 
Die gleichen Aufgaben, die in diesem Schema vereinigt zur 
Untersuchung der klinischen Fälle dienten, wurden, gesondert auf 
einzelne Blätter geschrieben, auch zur Prüfung von Normalen, Ner¬ 
vösen und Reconvalescenten unter genauer Zeitmessung im 
psychophysischen Laboratorium verwendet, so dass sich ein 
leicht vergleichbares Material ergab. 
Ad 2 war besonders folgender Gesichtspunkt im Auge zu 
behalten: Im Sinne des hypothetischen „Rechenvermögens“ richtet 
man bei solchen Untersuchungen zuerst seine Aufmerksamkeit blos 
auf die eigentliche Rechenleistung und ist geneigt, da, wo eine solche 
fehlt, das Fehlen einer Reaction überhaupt anzunehmen. In 
Wirklichkeit gehen auf das Stellen einer Rechenaufgabe hin noch 
andere psychophysische Reactionen vor sich, die aber nicht 
als Lösung der Rechenaufgabe, sondern z. B. als Yeränderung der 
Stellung des Körpers, als anderweitiger Sprachact, als physio- 
gnomischer Ausdruck eines Affectes u. s. f. zum Vorschein kommen. 
Es empfiehlt sich deshalb bei der Untersuchung nicht allein das 
„Rechenvermögen“ im engeren Sinne in’s Auge zu fassen, sondern 
im Allgemeinen die Reaction des betreffenden Individuums gegen 
solche Reize (gesprochene oder geschriebene Rechenaufgaben) zu 
studiren und im Auge zu behalten, dass es keine negativen 
Resultate gibt. Das Nichtreagiren auf einen solchen Reiz ist 
ebenso ein positives Symptom wie eine richtige Antwort. 
Diesen Ueberlegungen ist bei der Construction des Schemas 
durch die Rubriken „Zeit“ und „Bemerkungen“ Rechnung getragen. 
Wir wollen nun dieses Schema auf einzelne Fälle anwenden 
und seine Brauchbarkeit erproben. 
Aus dem mir vorliegenden umfangreichen Material greife ich 
zunächst zwei Fälle heraus, durch welche der grosse Vortheil der 
leichten Vergleichbarkeit der Untersuchungsresultate bei dem 
gleichen pathologischen Individuum deutlich ersichtlich wird. 
Beispiel: Louise St. aus B., geb. 8. X. 1871, aufgenommen am23. II. 1897. 
Einen Tag vor der Aufnahme Krämpfe. War hinterher ganz verwirrt, kannte 
ihre Umgehung nicht, wollte die Kleider zerreissen, schrie laut und hatte
        

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