Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Lehrbuch der psychopathologischen Untersuchungs-Methoden
Person:
Sommer, Robert
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit18676/301/
Rechenvermügen. 
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bestimmte Grundeigenthümlichkeiten des Zustandes geisti¬ 
ger Schwäche in Form von vergleichbaren Reactionen deut¬ 
lich darstellen. 
Rechenvermögen. 
Die systematische Prüfung der Rechenfähigkeit ist von Krae¬ 
pelin in die Psychopathologie eingeführt worden, nachdem Ansätze 
dazu schon lange in den kurzen Rechenprüfungen, die in psychia¬ 
trischen Krankengeschichten und Gutachten gelegentlich angewendet 
wurden, Vorgelegen hatten. 
Der wesentliche methodische Fortschritt geschah dadurch, dass 
Kraepelin in der Arbeit ,,Ueber die Beeinflussung einfacher psychi¬ 
scher Vorgänge durch einige Arzneimittel“ (Jena 1892) bei den 
Versuchen nach fortlaufender Methode neben dem Aus¬ 
wendiglernen und Lesen auch das Addieren in Betracht zog (cfr. 
1. c. pag. 68-—91, 125—143, 233—239). In programmatischer Form 
kommt derselbe in dem Aufsatz: „Der psychologische Versuch in 
der Psychiatrie“1) (pag. 15) auf diesen Gedanken zurück, wobei er 
sich auf die Schrift vom Ebbinghaus „Ueber das Geflächtniss“2) bezieht. 
_ Es ist ersichtlich, dass Kraepelin im Wesentlichen von der 
experimentellen Psychophysiologie ausgeht und eine TJeber- 
tragung von Methoden in das Gebiet der Psychopathologie 
vornimmt. _ 
Im Hinblick auf die Beschaffenheit unserer Untersuchungs¬ 
objecte empfiehlt es sich nun, die Methode der Rechenprüfung möglichst 
zu vereinfachen und den Hauptwerth auf die Vergleichbarkeit der 
Resultate zu legen, die nur durch Anwendung der gleichen 
Reize erzielt werden kann. 
Wenn man ein Schema zur Prüfung des „Rechenvermögens“ 
ausgestalten will, muss man vor allem die Thatsache ins Auge fassen, 
dass dieses „Rechenvermögen“ eine psychologische Fiction der Sprache 
ist, bei welcher in ontologischer Weise als einheitlicher psychischer 
Grund der verschiedenen Rechenleistungen, welche wir erfahrungs¬ 
mäßig kennen, ein bestimmtes „Vermögen“ angenommen wird. 
Wir müssen uns sehr hüten, diese Auffassung ohne Weiteres 
als richtig zu betrachten, müssen sie vielmehr im Sinne einer 
„Arbeitshypothese“, d. h. als Frage auffassen, deren Lösung bei 
der Gestaltung des Schemas im Auge behalten werden muss. 
. I. Es ergab sich daraus als erste Anforderung für dieses, dass 
die verschiedenen Species nebeneinander berücksichtigt werden 
müssen, da die Behandlung nur einer Art des Rechnens als Maass¬ 
stab für das Rechenvermögen eine petitio principii bedeutet, 
während gerade aus der Anwendung des Schemas herausspringen 
soll, ob es ein solches einheitliches Vermögen überhaupt gibt. 
II. Innerhalb jedes Thctlgebietes musste nun vor allem das 
Moment der verschiedenen Schwierigkeit einzelner Aufgaben 
in das Auge gefasst werden. Es lag nahe, hierbei eine Stufenfolge 
von leichteren zu schwereren zu bilden (cfr. das Schema). 
') Psychologische Arbeiten, I. Band, Einleitung. 
2) Leipzig 1885.
        

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