Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Lehrbuch der psychopathologischen Untersuchungs-Methoden
Person:
Sommer, Robert
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit18676/274/
266 
Orientirtlieit. 
2. Es besteht Verlangsamung der sprachlichen Re¬ 
action. 
3. Mehrfach, besonders am Schluss der Reihe von Fragen ist 
sie sprachlich ganz reactionslos. 
4. Es besteht kein ängstlicher Affect, cfr. Frage 17: Sind 
Sie traurig? Sie lächelt. 
5. Es treten eigenthümliche Bewegungserscheinungen 
auf. (Kratzt sich im Gesicht, dreht sich hin und her, beginnt am 
Tisch zu kratzen, reibt sich die Finger.) 
Durch diese einzige Aufnahme sind Melancholie, Ver¬ 
wirrtheit, Paranoia mit grosser Wahrscheinlichkeit auszu- 
schliessen. Der deutlich erkennbare Hemmungszustand tritt 
hier nicht als Begleiterscheinung melancholischen Affectes 
auf, sondern muss eine andere Bedeutung haben. Der ganze Befund 
ist verdächtig auf „Spannungsirresein“ im Sinne der Katatonie. 
Name : Elise A. aus 0. Nr. 2. 
Datum: 6. VIII. 1897. 
Tageszeit : 11 Uhr vormittags. 
1. Wie heissen Sie? ■— „Bei die Leut’!“ 
2. Was sind Sie? — „Die Leut’ “ (ganz leise). 
3. Wie alt sind Sie? — (Antwortet gar nicht. Viermal wiederholt. Keine 
Antwort.) 
4. bis 22. (Gibt gar keine Antworten, steht vor dem Arzte, reibt sich die 
Hände, stöhnt, sagt ab und zu: „Bei die Leut’“, ist im Uebrigen 
zu keiner Reaction auf eine der vorgelegten Fragen zu bringen.) 
Man könnte glauben, dass diese Untersuchung resultatlos gewesen 
sei. In Wirklichkeit lassen sich daraus eine Anzahl diagnostisch 
wichtiger Momente herleiten. 
Das Resultat ist folgendes: 
1. Es wird keine Frage richtig beantwortet, so dass man 
klinisch mit dem Wort „Unorientirtheit“ leicht bei der Hand 
sein könnte. 
2. Die Worte: „bei dieLeut’“ oder „dieLeut’“ kehren stereotyp 
wieder. Sie scheinen dabei, abgesehen von den Fällen 1 und 2, nicht 
Reactionen auf die gestellten Fragen zu sein, sondern selbständig 
auftretende sprachliche Iterativerscheinungen. 
3. Es fehlt jede associative Weiterbildung der Elemente 
der Frage in der Antwort. 
4. Es fehlt die heftige motorische Erregung, wie sie 
manchmal bei schwer Verwirrten vorhanden ist. (Die Kranke steht 
vor dem Arzt, reibt sich die Hände etc.) 
Dieser Befund macht es auch ohne Kenntniss des früheren 
Untersuchungsbogens sehr wahrscheinlich, dass nicht ein Fall von 
Verwirrtheit, sondern ein Zustand von sprachlicher Hemmung 
mit Stereotypie-Erscheinungen vorliegt, wie er besonders bei 
katatonischem Schwachsinn häufig ist. 
Vergleichen wir damit den acht Tage früher' aufgenommenen 
Bogen, so ergänzen sich beide sehr gut im gleichen Sinne: Ver¬ 
wirrtheit, Melancholie, Paranoia sind auszuschliessen.
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.