Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Lehrbuch der psychopathologischen Untersuchungs-Methoden
Person:
Sommer, Robert
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit18676/270/
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Orientirtheit. 
Sie verfiel angeblich zuerst 1892 in Geistesstörung. Nach der Kranken¬ 
geschichte aus H., wo die Kranke damals war, hat sie jedoch schon 1886 
im Anschluss an die Krankheit eines Kindes eine kurzdauernde Psychose 
durchgemacht. Dieser Vorfall ist im Bewusstsein der Angehörigen 
ganz verloren gegangen. Der Anfall im Jahre 1892 stand in ursäch¬ 
lichem Zusammenhang mit dem Tode ihres Mannes, der einem Herzleiden 
rasch erlag. Schon am Tage nach dem Begräbniss war sie ganz „irre“, 
sprach alles durcheinander, schrie und jammerte laut, sie solle umgebracht 
werden, der Himmel falle auf sie ein, sie könne nicht mehr lehen. Sie 
beklagte ihre Kinder, lief jammernd im Hause umher, rannte sogar ein¬ 
mal im Hemde auf die Strasse, so dass das ganze Dorf zusammenlief. 
Drei Männer brachten sie damals in die Irrenanstalt nach H., wo sie sich 
auffallend schnell beruhigte. 
Schon nach acht Wochen entliess man sie dort, doch hätte sie an¬ 
geblich schon früher heimkehren können, man wollte aber einem Rückfall 
Vorbeugen. Sie kam ganz gesund nach W. zurück. 
Abermals anlässlich eines Todesfalles zeigten sich dann anfangs 
1896 wiederum Erregungszustände der gleichen Art wie 1892. 
Patientin war „durcheinander“, nachdem sie die Todesnachricht eines 
Schwagers bekommen hatte. Sie schimpfte (?) im Hause, schrie, hatte circa 
14 Tage lang Nachtwache nöthig. Sie kam bald wieder zu Verstand, blieb 
jedoch launisch und reizbar, schimpfte öfter gegen die Töchter nach An¬ 
gabe dieser. Ihrer Beschäftigung konnte sie wieder nachgehen. 
Am 3. VI. 1897 neuer Anfall von Geistesstörung, also der vierte. 
Ihre älteste Tochter hatte an diesem Tage geheiratet, aus welchem Anlass 
sie seit einigen Tagen viele Anstrengungen hatte. Am Ahend des 3. VI. 
begann sie laut zu werden, rief nach der Tochter, lief im Hause umher, 
behauptete, eine Sünde begangen zu haben. Sie sei sehr unglücklich, es 
würden Polizisten kommen und sie abholen. Mehrfach schrie sie laut : 
„Es brennt! es brennt! der Himmel fällt ein!“ Nachts stieg sie aus dem 
Bett, zog sich mehrmals an und entkleidete sich wieder, jammerte laut, 
wiederholte manche Sätze und Worte „wohl tausendmal“. 
Der Zustand erheischte grosse Aufsicht. Indessen meinte man, dass 
wie im Vorjahre eine Ueberführung in eine Anstalt nicht nöthig sein werde. 
Auch die Kranke sprach sich „in klaren Momenten“ dagegen aus. 
In den letzten Tagen begann die häusliche Pflege unmöglich zu 
werden. Sie zeigte Vergiftungsideen, nahm tagelang nichts zu sich. 
Auf dem Wege zur Klinik sehr unruhig, wollte aus dem Wagen springen. 
Bei der Aufnahme sehr ängstlich, will beständig zur Thür hinaus, 
stöhnt leise. 
11. VI. Den grössten Theil der Nacht sehr unruhig. Drängte oft 
aus dem Bett heraus, dessen Decken und Leintücher sie abwarf. Stöhnte 
beständig, raufte sich die Haare und versuchte zuweilen den Contactstöpsel 
der elektrischen Lampe herausziehen, indem sie sagte: „Machen Sie doch 
die Leuchte aus, die braucht nicht zu brennen, der Himmel fällt ja herab, 
in W. ist er erst recht herabgefallen ! “ Verunreinigte sich mit Urin. 
Im Laufe des Tages sehr ablehnend. Sitzt meist aufrecht im Bett, 
sieht mit ganz starrem, stupid ausdruckslosem Gesichtsausdruck ihre Umgebung 
an, steckt sich fortwährend mehrere Finger der linken Hand weit 
in den Mund hinein oder drückt sich an der Nase und am Kinn, stöhnt 
oft und sagt zuweilen: „Ach du lieber Gott“, bleibt aber auf alle Fragen
        

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