Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Lehrbuch der psychopathologischen Untersuchungs-Methoden
Person:
Sommer, Robert
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit18676/267/
Orientirtheit. 
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verlaufen ist, da M. am 29. XII. 1897 anscheinend völlig geheilt 
entlassen werden konnte. 
Jedenfalls sind in diesem Fall die Untersuchungsbögen sehr 
geeignet gewesen, um den Ablauf der Krankheit in Bezug auf ein 
wesentliches Symptom zahlenmässig ins Klare zu stellen. Man 
könnte sogar vermuthen, dass gerade durch die Vergleichung der 
Bögen das prognostisch wichtige Moment, welches vergeblich 
durch die Untersuchung der Spannungszustände zu ermitteln gesucht 
wurde, herausgestellt worden ist. 
Es zeigt sich nämlich hei der Zusammenstellung der Resultate 
in der obigen Curve eine auffallende Gesetzmässigkeit, ein 
graduelles Anschwellen der Krankheit in der progressiven Ver¬ 
minderung der sprachlichen Reactionen, so dass man an ge¬ 
wisse Typen von Fiebercurven (z. B. bei Typhus abdominalis, Tuber¬ 
culose, Eiterresorption etc.) erinnert wird. Möglicherweise liegt in 
dieser Verlaufsart, die mit dem gesetzmässigen Ablauf gewisser 
körperlicher Krankheiten (Pneumonie etc.) eine grosse Aehnlichkeit 
hat, das prognostisch günstige Moment, das den Zustand von dem 
regellosen Wechsel katatonischer Spannungszustände 
unterscheidet. 
Aehnlich ist der folgende Fall, in welchem sich die Aenderungen 
des Krankheitsbildes nur in viel kürzerer Zeit vollzogen haben. 
Frau E. Sch. aus W., Landwirtswittwe, geb. 20. Mai 1844. Auf¬ 
genommen am 10. Juni 1897. 
Name: Frau Sch. Nr. 1. 
Datum: 11. VI. 1897. 
Tageszeit: 11 Uhr vormittags. 
1. Wie heissen Sie? 
2. Was sind Sie? 
3. Wie alt sind Sie? 
4. Wo sind Sie zu Hause? 
5. Welches Jahr haben wir jetzt? 
6. Welchen Monat haben wir jetzt? 
7. und so fort bis 22. 
Patientin bleibt auf alle Fragen stumm. Sie sitzt aufrecht im Bett, 
kümmert sich um den Untersuchenden nicht, sieht mit halb ärgerlicher, 
halb ängstlicher Miene unruhig um sich und hält fortwährend die linke 
. Hand *an der unteren Hälfte des Gesichtes, indem sie mit den Fingern im 
Munde und an der Nase herumfährt. 
Nur auf die Frage 17 und 19 (Sind Sie traurig? und: Werden 
Sie verfolgt?) nickt sie leicht. 
Beim Versuche, sie körperlich zu untersuchen, widerstrebt sie in zäher 
Weise, ohne eigentlich heftig zu werden, und sagt mehrmals : „Gehen Sie fort!“ 
Resultat : Es ist völlige Reactionslosigkeit in der sprach¬ 
lichen Sphäre vorhanden mit ausgeprägten Spannungserschei¬ 
nungen. Nur auf die Fragen ad 17 und 19: Sind Sie traurig? 
und: Werden Sie verfolgt? tritt eine physiognomische Reaction 
im bejahenden Sinne ein. 
17*
        

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