Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Lehrbuch der psychopathologischen Untersuchungs-Methoden
Person:
Sommer, Robert
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit18676/258/
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Orientirtheit. 
Name : Louise W. Nr. 2. 
Datum: 20. XI. 1897. 
Tageszeit: 11 Uhr vormittags. (Im Augenblick der Entlassung.) 
1. Wie heissen Sie? — Fritz W.’s Wittwe, Louise, geb. Sch. 
2. Was sind Sie ? — Mein Mann war Sattler. 
3. Wie alt sind Sie? — 20. Juli 1857. (! ?) 
4. Wo sind Sie zu Hause? — W. (richtig). 
5. Welches Jahr haben wir jetzt? — 1897 (etwas unsicher). 
6. Welchen Monat haben wir jetzt? — November. 
7. Welches Datum im Monat haben wir? — 19. (20.) 
8. Welchen Wochentag haben wir heute ? — Samstag. 
9. Wie lange sind Sie hier? — Jetzt im vierten Monat. 
10. In welcher Stadt sind Sie? — In Giessen. 
11. In was für einem Hause sind Sie? (Ausgelassen.) 
12. Wer hat Sie hierher gebracht? — Mein Schwager und meine Schwester 
von Wiesbaden. 
13. Wer sind die Leute Ihrer Umgebung? — Bücking, Dienchen, Frau 
Schädel (richtige Namen). 
14. Wo waren Sie vor acht Tagen? — Hier. 
15. Wo waren Sie vor einem Monat? — Hier. 
16. Wo waren Sie vorige Weihnachten? — Zu Hause. 
17. Sind Sie traurig? — Nein! 
18. Sind Sie krank? — Ach nein! 
19. Werden Sie verfolgt? i 
20. Werden Sie verspottet? | (Wird nedrt.j L 
21. Hören Sie schimpfende Stimmen? I ^ ® > ' 
22. Sehen Sie schreckhafte Gestalten? J 
Resultat: Die Frau zeigt sich im Augenblick der Entlassung 
völlig orientirt. Der Fehler ad 7, als Datum des Monats „19“ 
für ,.20“, ist ohne pathologische Bedeutung. Zeichen von Gemüths- 
verstimmung und Hemmung sind nicht mehr 'vorhanden. 
Der Unterschied der Zustände am 26. VIII. und 20. XI. 1897 tritt 
bei der Zusammenstellung der beiden Fragebögen sehr klar hervor. 
Allerdings ist das zeitliche Moment zu berücksichtigen, dass der 
zweite Bogen unter dem erregenden Einfluss der Entlassung 
aufgenommen worden ist, wodurch die sprachliche Hemmung, be¬ 
ziehungsweise Zurückhaltung, welche in den letzten Bemerkungen 
der Krankengeschichte noch ersichtlich war, vielleicht momentan 
überwunden worden ist. Lägen von den der Entlassung voran¬ 
gehenden Tagen ebenfalls Untersuchungsbögen vor, so liesse sich 
dieses Moment vielleicht deutlicher heraussteilen. 
Jedenfalls schien die auch von den Angehörigen gewünschte 
Entlassung unter diesen Umständen angebracht zu sein. 
Leider ist die Frau, nachdem sie einige Wochen mit leidlicher 
Stimmung und Arbeitsfähigkeit zu Hause gewesen war, in einem 
Bückfall durch Suicid zugrunde gegangen. 
0 Diese Umsetzung; einer sprachlichen Eeaction in einen referirenden Satz 
(„wird negirt“) ist methodologisch ein Fehler. Es kommt darauf an, die Wirkung 
der Frage mit der gleichen Objectivität wiederzugeben, wie wir z. B. den Kniesehnen¬ 
reflex unter Messung des Reizes in messbarer und vergleichbarer Weise gra¬ 
phisch darstellen.
        

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