Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Lehrbuch der psychopathologischen Untersuchungs-Methoden
Person:
Sommer, Robert
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit18676/250/
242 
Orientirtheit. 
Name: E. Nr. 1. 
Datum: 22. IV. 97, Donnerstag. 
Tageszeit: 11 Uhr vormittags. 
1. Wie heissen Sie? — Marg. E., geh. H. (Richtig.) 
2. Was sind Sie? — Landwirthin. 
3. Wie alt sind Sie? — 38 Jahre, 24. XI. 1858. 
4. Wo sind Sie zu Hause? — Wohnbach. 
5. Welches Jahr haben wir jetzt? — 1897. 
6. Welchen Monat haben wir jetzt? — April. 
7. Welches Datum im Monat haben wir? — 22. 
8. Welchen Wochentag haben wir heute? — Donnerstag. 
9. Wie lange sind Sie hier? — Den zweiten Tag. 
10. In welcher Stadt sind Sie? -— Giessen. 
11. In was für einem Hause sind Sie? — Krankenhaus. 
12. Wer hat Sie hierher gebracht? ■— Mein Mann und Vater. 
13. Wer sind die Leute Ihrer Umgebung? — Das sind auch Irre. 
14. Wo waren Sie vor acht Tagen? (Ausgelassen.) 
15. Wo waren Sie vor einem Monat? — Zu Hause. 
16. Wo waren Sie vorige Weihnachten? — Zu Hause. 
17. Sind Sie traurig? — Ich kann nicht mehr freundlich sein. 
18. Sind Sie krank? — Ich bin nit krank. 
19. Werden Sie verfolgt? (Ausgelassen.) 
20. Werden Sie verspottet? —• Wer wird denn nicht spotten, wenn eine 
Frau so was macht, da spottet jeder Mann. 
21. Hören Sie schimpfende Stimmen? (Ausgelassen.) 
22. Sehen Sie schreckhafte Gestalten ? (Ausgelassen.) 
Dieser Bogen gibt folgendes Resultat: 
I- Völlige Orientirtheit. Sämmtliche Fragen ad 1—16 sind 
richtig beantwortet. 
II. Züge von Gremüthsverstimmung. (Ad 17,: Sind Sie krank? 
„Ich kann nicht mehr freundlich sein.“ — Ad 20: Werden 
Sie verspottet? „Wer wird denn nicht spotten, wenn eine Frau 
so was macht, da spottet jeder Mann.“) 
III. Bewusstsein psychischer Krankheit bei Abwesenheit 
hypochondrischer Ideen in der körperlichen Sphäre. (Ad 13: 
Wer sind die Leute Ihrer Umgebung? „Das sind auch Irre.“— 
Ad 18: Sind Sie krank? „Ich bin nit krank.“) 
Dieser Symptomencomplex entspricht dem, was man Melan¬ 
cholia simplex zu nennen pflegt. 
Die Krankengeschichte ist folgende: 
Frau E., geb. 1858, aufgenommen am 21. IV. 1897. Erblich belastet. 
Grossmutter, gestorben im 54. Jahr, hatte in den letzten Jahren ihres Lebens 
ein „Gehirnleiden, war geistesgestört, verwirrt und verstimmt“. Die Mutter 
hatte „Rückenmarksentzündung“. Ausserdem Belastung in Bezug auf Tuber¬ 
culose. Patientin hat mit 19 Jahren geheiratet, lebte in glücklicher Ehe. 
In 20jähriger Ehe 5 Geburten. Psychisch erkrankt war sie früher nie. 
Das letzte Kind kam nach 12jähriger Pause. Angeblich hat dieser Um¬ 
stand die Frau trübe gestimmt (?). Die ersten Zeichen der Gemüthsdepression 
traten etwa vier Wochen nach der letzten Niederkunft auf, welche am 10. VII. 
1896, also in ihrem 38. Lebensjahr, erfolgte. Die Kranke benahm sich im
        

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