Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Lehrbuch der psychopathologischen Untersuchungs-Methoden
Person:
Sommer, Robert
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit18676/24/
Jfj Schematische Darstellung experimentell bewirkter Haltungen u. Bewegungen. 
und das Vaterunser. Dabei vernachlässigte sie sich in der Kleidung, lief 
im Hemd im Hause umher, einmal auch ins Freie. Sie rief gelegentlich, 
sie wolle sterben ; sie sei ein verirrtes und verlorenes Menschenkind, es 
müsse gespart werden, man habe kein Brot, keine Kleidung mehr. Nachts 
hatte sie grosse Angst, glaubte bei jedem Geräusch Einbrecher und Mörder 
zu hören, schlief deswegen gar nicht, auch glaubte sie Stimmen und Reden 
höhnischen Inhaltes zu vernehmen. Dann zeigten sich paranoische Züge: 
Sie beargwöhnte ihre Hausgenossen, dass man gegen sie etwas verüben 
wolle. Sie behauptete, die Mutter sei an allem schuld, lasse ihr keine Ruhe, 
wolle ihr Schlimmstes, einen im Hause beschäftigten Knecht verdächtigte 
sie sexuell, er habe es mit ihrer Mutter. Dieser rief sie zu, sie „solle sich 
doch zu dem Kerl legen“. 
November 1895 wurde sie in die Anstalt zu E. aufgenommen, im 
Juli 1896 probeweise entlassen. 
In dem Bericht über diesen Anstaltsaufenthalt treten die katatonischen 
Züge sehr deutlich hervor: „Sie antwortet immer dasselbe.“ „Steht gewöhn¬ 
lich in den Ecken herum, das Gesicht nach der Wand gerichtet, und jammert 
und weint wie ein Kind.“ „Macht allerlei sonderbare Dinge. Närrische Gesten 
und Bewegungen ; läuft z. B. einer anderen Patientin beständig nach, kniet 
vor ihr nieder und geht ihr nicht von der Seite.“ „Zeitweise kataleptische 
Starre, theils stereotype Bewegungen, z. B. stundenlang Reitbahnbewegung: 
Schiebt sich seitwärts im Kreise herum, dabei einen Fuss mit grossem 
Geräusche nachschleppend.“ „Schreit oft stundenlang, und zwar gewöhnlich 
einzelne Redensarten in consequenter Weise.“ „Oft stundenlang vociferirend, 
z. B. Bettelstab, unter gellenden und juchzenden Tönen.“ „Hält an ihrem 
verschrobenen närrischen Benehmen fest, besonders in Haltungen und Be¬ 
wegungen.“ 
Die schon aus diesem.Bericht höchst wahrscheinliche Diagnose auf 
Katatonie wurde nach der Aufnahmè in die psychiatrische Klinik in Giessen 
weiter bestätigt. 
Ich greife aus der Krankengeschichte folgende Notizen heraus: 1. III. 
In der Nacht unruhig, kommt oft aus dem Bett, reisst die otfene Thür zu, 
wälzt sich im Bett umher, lacht, ruft mehrfach andauernd den gleichen 
Ausdruck, z. B. „Grossmutter“ oder „die Hausbettelei ist bei uns verboten“ 
oder „ich habe schöne Kleider“. Einmal ruft sie gegen hundertmal immer 
in demselben Klang und Rhythmus: „gelbe Rüben! gelbe Rüben“ u. s. f. In 
die bei ihr beobachteten Zustände von Negativismus, Suggestibilität für 
Bewegungen, Katalepsie geben die folgenden Untersuchungsbögen einen 
guten Einblick. 
Name: B. Nr. 1. Stellung vor Beginn des Ex- 
Datum: 1. II. 1897. perimentes: B. steht vor dem 
Zeit: 5 Uhr nachmittags. Untersuchenden 
a) Suggestibilität für Bewegungen. 
1. Hand nach rechts: Keine Reaction, 
stumm. 
2. Hand nach links: Keine Reaction, 
stumm. 
3. Kreisbewegung: Keine Reaction, 
stumm. 
b) Passive Bewegungen. 
1. Beugen des rechten Armes: Aus¬ 
führbar mit Widerstreben. 
2. Drehung des Kopfes nach rechts: 
Widerstand; schlägt mit den 
Händen. 
3. Drehung des Kopfes nach links: 
Heftige Abwehrbewegungen.
        

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