Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Lehrbuch der psychopathologischen Untersuchungs-Methoden
Person:
Sommer, Robert
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit18676/23/
Schematische Darstellung experimentell bewirkter Haltungen u. Bewegungen. 
15 
zu erkennen, welche den Uebergang zu neurologisch bekannten 
Phänomenen bilden. 
AMn Bewegungen der Beine und des Rumpfes musste in dieser 
Reihe leider Abstand genommen werden, weil die Situation des 
Untersuchenden und des Untersuchten meist nicht übereinstimmt 
und infolge dessen diese Bewegungen gar nicht nachgemacht werden 
könnten. Der Untersuchte liegt meist im Bett, der Untersuchende 
steht vor ihm. Diese gegenseitige Situation eignet sich nicht zur 
Prüfung der Suggestibilität für Bewegungen an den unteren Ex¬ 
tremitäten. 
In dieser Beziehung ist also zweifellos eine Lücke in dem 
Untersuchungsschema vorhanden und man wird gut thun, in den 
Fällen, in denen der Untersuchte mit dem Untersuchenden die gleiche 
Stellung (stehend oder sitzend) einnehmen kann, einige Prüfungen 
in Bezug auf Bewegung der Füsse und des Rumpfes anzuschliessen. 
Bei der Untersuchung der passiven Bewegungen waren diese 
Schwierigkeiten nicht vorhanden, vielmehr ist die Bettlage, in welcher 
die Kranken meistens untersucht werden, für eine vollständige 
Prüfung günstiger als aufrechte Stellung, besonders was die Unter¬ 
suchung der Innervationszustände an den unteren Extremitäten betrifft, 
Yon den unter b) 1—10 angedeuteten Experimenten bezieht 
sich Nr. 1, 5 und 7 auf Bewegungen der Arme, und zwar sind diese 
Prüfungen in der Reihenfolge absichtlich auseinandergestellt, weil 
die Erfahrung lehrt, dass z. B. negativistische Erscheinungen sich 
bei rasch aufeinanderfolgenden Versuchen an dem gleichen Körper- 
theil verstärken, dass infolge dessen in die Untersuchung ein Moment 
hereinkommt, welches der eigentlichen Absicht: Feststellung der 
Verhältnisse in den verschiedenen Muskelgebieten, wider¬ 
spricht. Uebrigens bleibt es demUntersuchenden unbenommen, gelegent¬ 
lich die auf den Arm bezüglichen Bewegungen unter Aenderung der 
Reihenfolge dicht hintereinander zu stellen. Unter die Bewegung 
ist absichtlich eine sehr complicirte (Nr. 5, Führung des Zeigefingers 
zur Nase) aufgenommen. 
Auf den Kopf und das Gesicht beziehen sich Nr. 2, 3, 4. 6 
(Drehung nach rechts und links, Nickbewegung, Schliessung der 
Augenlider). Auf die Bewegung des Rumpfes bezieht sich Nr. 8 
(Beugung des Rumpfes bei Bettlage nach vorn), auf die Bewegung 
der Beine (bei Bettlage) beziehen sich Nr. 9 und 10 (Beugen des 
rechten und linken Beines im Knie). 
Ich gebe nun das Untersuchungsresultat bei einem diagnostisch 
ganz klaren Falle, der sich klinisch als Katatonie erwiesen hat, 
Wir werfen zunächst einen Blick auf die Krankengeschichte : 
L. B. aus M., geh 1872, aufgenommen in die psychiatrische Klinik 
in Giessen am 22. XII. 1896. Hereditäre Belastung nicht zu ermitteln. Sie 
war wenig begabt, jedoch nicht schwachsinnig. Sie arbeitete nach ihrer 
Confirmation in dem ländlichen Anwesen des Vaters. Nach dem Tode des 
Vaters am 22. II. 1895 zeigte sich zuerst eine psychische Veränderung. 
Sie machte sich Selbstvorwürfe, weil sie eigensinnig gegen den Vater 
gewesen sei. Im Sommer 1895 nahm dies zu, sie betete viel und las in 
Erbauungsbüchern, kaute stundenlang mit ängstlichem Gesichtsausdruck an 
den Nägeln. Dann wurde sie erregter, predigte laut, recitirte Bibelverse
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.