Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Lehrbuch der psychopathologischen Untersuchungs-Methoden
Person:
Sommer, Robert
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit18676/191/
Orientirtheit. 
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eignisse zu wecken. Allerdings ist hier rückwärts gerichtete zeit¬ 
liche Orientir un g Voraussetzung zur Beantwortung. 
Mit diesen Fragen ist über die Grenzen der Orientirtheit im 
engeren Sinne schon hinausgegangen. Es ist jedoch damit ein Punkt 
berührt, der erfahrungsgemäss bei der Orientirtheit eine grosse 
Rolle spielt, nämlich die Möglichkeit, den momentanen Zustand durch 
Erinnerung an frühere in einen bestimmten Zusammenhang zu 
bringen. Dieses Einreihen von Bewusstseinszuständen in eine Reihe, 
welche durch Erinnerung wachgerufen wird, spielt zweifellos bei 
der Orientirtheit im Sinne eines festen Zusammenhanges der Be- 
wusstseinsthatsachen einer Person eine grosse Rolle. Es wäre viel¬ 
leicht möglich, bessere Reizmomente zu finden, um das Vorhanden¬ 
sein eines solchen Zusammenhanges zu prüfen, vorläufig begnügen 
wir uns mit den genannten Fragen. 
Nun ergibt sich weiter aus einer Reihe von klinischen That- 
sachen in Bezug auf die verschiedenen Gruppirungen, in denen das 
Symptom der Unorientirtheit auftretenkann, die Anregung, neben 
dieser auch diejenigen psychopathischen Symptome ins Auge zu fassen, 
welche öfter damit in Verbindung auftreten, nämlich: 
1. Stimmungsanomalieen, 
2. hypochondrische und paranoische Ideen,- 
3. Sinnestäuschungen. 
Hierbei ist an die Thatsache zu erinnern, dass bei der Verwirrt¬ 
heit oft ein sehr depressiver Affect vorhanden ist, und dass auch die 
Combination beider Symptome für die Diagnose der Verwirrtheit 
im engeren Sinne von Bedeutung ist, ferner dass bei der Verwirrt¬ 
heit oft Sinnestäuschungen ohne eigentliche Verfolgungsideen vor¬ 
handen sind. Das Schema zielt nun darauf hin, das Zusammentreffen 
von zwei, drei oder vier Symptomen, beziehungsweise das Ausfallen 
eines oder mehrerer solcher festzustellen und diese Constellation 
von Symptomen differentialdiagnostisch zu verwerthen. 
Nimmt man zum Beispiel als Elementarsymptome an 
I. Unorientirtheit, 
II. depressiven Affect, 
III. Verfolgungswahn, 
IV. Sinnestäuschungen, 
so ist aus den klinischen Thatsachen ersichtlich, dass je drei dieser 
Symptome zu sehr verschiedenen Combinationen mit ganz verschiedener 
diagnostischer Bedeutung zusammentreten können. Bezeichnet man 
das Vorhandensein eines Symptoms mit 4-, das Fehlen mit —, so ist 
+ I, +11, — III, + IV der Ausdruck für eine Combination von 
Symptomen, welche sich mit dem prognostisch relativ günstigen 
Begriff der hallucinatorischen Verwirrtheit deckt. 
Dagegen — I, + II, + III, + I V bedeutet klinisch meist den 
prognostisch sehr ungünstigen Zustand der Paranoia (Verfolgungs¬ 
wahn mit depressivem Affect und Sinnestäuschungen bei erhaltener 
Orientirtheit). 
Die Combination —I, —II, + III, +IV, das heisst Verfol¬ 
gungsideen mit Sinnestäuschungen ohne Störung der Orientirtheit 
und ohne Stimmungsanomalie findet sich ziemlich oft bei fort-
        

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