Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Lehrbuch der psychopathologischen Untersuchungs-Methoden
Person:
Sommer, Robert
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit18676/14/
8 
Reproduction mit optischen Methoden. 
über Kaiser und Reich, Krieg und Frieden, Papst und Staat; das Schluss- 
Resumé bei allen Reden ist immer, dass er der einzige sei, der alles 
richtig machen könne, er besitze die beste Religion, Glauben und Vertrauen 
auf Gott, er könne deshalb alle Missstände der Welt beseitigen. Er sei ein 
in jeder, besonders religiöser Hinsicht geläuterter Mensch, der allem Uebel 
abhelfen könne. Dem einen Patienten legt er die Hand auf den Kopf, 
behauptet, dieser habe Gottvertrauen und würde bald durch,, seine Hand¬ 
auflegung gesund. Einem anderen prophezeit er Siechthum; alle Patienten 
seiner Umgebung prüft er auf ihren Glauben und bemisst danach ihre 
eventuelle Heilbarkeit. Dann schimpft er wieder auf die schlechte, religions¬ 
lose Welt und kündet als Prophet baldigen Krieg an. Er ernennt Aerzte. 
Pfleger und Patienten zu Fürsten und Generälen ; spät am Abend will er fort, 
die Russen ständen schon bei Giessen, er müsse dahin, sonst sei alles verloren. 
Es zeigen sich übereinstimmend bei den weiteren Beobachtungen neben 
dem oft an Paranoia erinnernden Ideeninhalt folgende Züge: 
1. Lebhafter Rededrang; 2. rasche Aufeinanderfolge phantastischer 
Grössenideen; 3. grosser Wechsel seiner Verfolgungs- und Vergiftungs¬ 
ideen; 4. Neigung zu spielen und sich zu schmücken. 
Difterentialdiagnostisch ist zu bemerken, dass in manchen Fällen von 
Paranoia, welche mit ausgeprägten Verfolgungsideen beginnen, allmählich 
eine Neigung zum Confabuliren auftritt mit massenhafter Production 
von Grössen- und Verfolgungsideen, dass andererseits manchmal bei der 
Manie derartige Wahnbildungen Vorkommen. Aus dem Befund in der Klinik 
konnte die Differentialdiagnose nur mit einiger Wahrscheinlichkeit zu Gunsten 
der periodischen Manie mit scheinbar paranoischen Nebensymptomen ent¬ 
schieden werden. Die Angabe, dass E. in der Zeit zwischen dem ersten 
und zweiten Anstaltsaufenthalt ganz normal gewesen sei, würde hierzu 
stimmen. E. wurde am 30. VI. 4897 aus der Klinik entlassen und soll 
zur Zeit wieder gesund sein.- ' * 
Jedenfalls drückt das beigegebene Bild physiognomisch den 
Doppelcharakter des Symptomencomplexes sehr gut aus. Durch den 
stereoskopischen Anblick wird dieser Eindruck sehr verstärkt. 
Fig. 2. Katatonie. Kaspar D. aus W., geb. 1867. Aufnahme in die 
Klinik am 16. VII. 1896. Ein Bruderssohn der Grossmutter war geistes¬ 
krank. D. erkrankte im 21. Jahre zum erstenmal. Er sei so „halsstarrig“ 
gewesen, habe immer das Entgegengesetzte von dem, was sein Vater haben 
wollte, gemacht (Negativismus). Seit Februar 1896 arbeitete er fast gar 
nichts mehr, schimpfte viel auf den Mann seiner Schwester, sprach von 
den „Schwarzen“, die ihm erschienen seien; er hat grosse Angst vor ihnen, 
verschliesst sich deshalb, sagt, er habe alle umgebracht bis auf zwei. 
Manchmal hat er stereotype Bewegungen mit der Hand gemacht, „als 
ob er einen umbringen wolle“. Zeitweise habe er gar nicht, dann wieder 
sehr viel geredet. D.’s Krankheit erwies sich bei der klinischen Beob¬ 
achtung immer deutlicher als Katatonie schwerster Art, während er in 
der ersten Zeit bei völliger Orientirtheit, gutem Gedächtniss, 
guten Schulkenntnissen etc. nur leichte Hemmungserscheinungen 
und Negativismus gezeigt hatte. Allmählich wurde die Stereotypie der 
Haltungen und der Negativismus immer stärker. 
22. VII. Alle Versuche der Fütterung (mit dem Löffel und der Sonde) 
scheitern an dem hartnäckigen Widerstande. Patient hat 14 Pfund (!) ab¬ 
genommen.
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.