Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Lehrbuch der psychopathologischen Untersuchungs-Methoden
Person:
Sommer, Robert
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit18676/108/
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Analyse der directen Ausdrncksbewegimgen. 
die Succession von Bewegungsmomenten und auf die Haltung der 
Finger in jedem Augenblick des Ablaufes zu machen. Dass die 
Widerstände in dem ganzen System ausserordentlich geringe sind, 
ist aus der Beschreibung ersichtlich. Die Multiplication der fein¬ 
sten Bewegungen geschieht infolge der Anbringung des Schreib¬ 
apparates an den längeren Hebelarmen von Bs, 4,6. 
Somit sind die oben angeführten principiellen Erfordernisse 
für die Uebertragung und Analyse der feinsten Bewegungen an 
den Händen des Lebenden erfüllt. 
Es hat sich nun in Bezug auf die Verwendbarkeit des be¬ 
schriebenen Apparates zu physiologischen, psychophysiologischen, 
psychopathologischen und nervenpathologischen Zwecken Folgendes 
herausgestellt : Zunächst ist er geeignet, um die „Haltung“ der 
Finger und der Hand im normalen Zustand und die Abweichungen 
von der ruhigen Haltung, die schon physiologischer Weise durch 
Ermüdung und andere Einflüsse bedingt sind, zu studiren. Ferner 
zeigt er sich als ein gutes Hilfsmittel zur Diflerenzirung der ver¬ 
schiedenen Arten von Tremor, welche bei bestimmten Nervenkrank¬ 
heiten (Alkoholneurosen, Hysterie, Paralysis agitans u. s. w.) Vor¬ 
kommen. Ebenso lässt er sich in manchen Fällen zur Diflerential- 
diagnose gewisser Geisteskrankheiten (Epilepsie, „hysterische“ Melan¬ 
cholie, Schwachsinnsformen etc.) verwerthen, wozu er zum Beispiel 
auch bei Gelegenheit von Gutachten von mir benutzt worden ist. 
Schliesslich ist es in psychophysiologischer Richtung im Sinne 
der obigen Ausführungen über die Ausdrucksbewegungen bei dem 
sogenannten Gedankenlesen gelungen, in einigen Fällen experimen¬ 
tell das Vorhandensein und die Wirksamkeit derselben zu beweisen 
und aus ihrem Erscheinen das Eintreten eines bestimmten geistigen 
Vorganges als Reaction auf einen äusseren Reiz zu erschliessen. 
Ich werde die Verwendbarkeit dieser Bewegungsanalysen bei 
bestimmten nervenpathologischen und psychiatrischen Fällen an an¬ 
derer Stelle ausführlicher darlegen und beschränke mich hier darauf, 
einige Beispiele über die Erscheinungen der normalen Haltung 
und der unwillkürlichen Ausdrucksbewegungen zu geben. 
Beide Themata hängen eng miteinander zusammen. Das ge¬ 
naue Studium der normalen Haltung eines Individuums ist nämlich 
die Voraussetzung dazu, um die feineren Ausschläge an den 
Curven zu finden, welche eine Besonderheit des inneren Zustandes 
verrathen und im obigen Sinne zum Gedankenlesen verwendet 
werden können. Man kann zum Beispiel nicht ohne Weiteres eine 
bestimmte Bewegungserscheinung herausheben, welche bei allen 
Individuen gleichmässig als Kriterium für eine Art von inneren 
Vorgängen gelten könnte, sondern muss zunächst jedes Individuum 
als einen eigenthümlichen physiologisch-motorischen Apparat be¬ 
trachten, dessen normale Innervationsart erst erforscht werden muss, 
bevor man über seine psychomotorischen Ausdrücke bei bestimmten 
inneren Zuständen etwas aussagen kann. 
Ich gebe nun mehrere Belege für das Auftreten von Ausdrucks¬ 
bewegungen. Die Anordnung des Experimentes ist folgende : 
Man lässt eine Person aus einer Anzahl (am besten zwei bis 
vier) von Worten, welche man ihr in gesprochener oder geschriebener
        

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