Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Physiologie des Menschen für Vorlesungen. Zweiter Band
Person:
Müller, Johannes
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit17252/644/
638 VII. Buch. V. d. Zeugung. II. Ahschn. Geschlecht}. Fortpflanz. 
zu regelmässigen Bündeln verbunden, weniger zahlreich und lie¬ 
gen ohne Ordnung zwischen den Moleculen. Diese unvollkom¬ 
menen Formen der Samenthierchen bleiben kleiner als die der 
Stammarten, und ihr dickeres Ende ist unregelmässig, bald keil¬ 
förmig, meist länglich, oder an der Spitze gekrümmt und nie 
zeigen sie die characteristische Schraube, Spirale. Bei weiblichen 
Bastarden fand Wagner zahlreiche Dotter mit Keimbläschen, aber 
niemals reifende Dotter. R. Wagner Physiologie 25. 26. 
Die Samenthierchen in den männlichen Fortpflanzungsorganen 
der Pflanzen sind eine viel seltenere Erscheinung, als bei den 
Thieren. Da die an dem Inhalt der Pollenkörner der höheren 
Pflanzen beschriebenen Bewegungen von der BROwN’schen Mole- 
cularbewegung schwer zu unterscheiden sind, so kann hier nur 
von den Samenthierchen der Cryptogamen die Rede seyn. Einige 
hierher gehörige Erscheinungen wurden schon von Schmiedel, 
Fe. Nees v. Esenbeck beobachtet. Genauer wurden die Samen- 
thierchen der Sphagnen zuerst von Unger untersucht, ihm und 
Meyen verdankt man die ausführlichsten Aufschlüsse darüber. 
Der Inhalt der Antheren der Sphagnen besteht aus Zellen, in de¬ 
ren jeder ein Faden mit einem länglichen, ellipsoidischen Knöpf* 
chen spiralig gerollt liegt. Die Thierchen bewegen sich in den 
Zellen, machen sich frei und setzen ausser den Zellen ihre Be¬ 
wegungen fort. Meyen beschreibt sie in den Gattungen Hypnum, 
Mnium, Phascum, Polytrichum, Sphagnum. Yergl. Unger Nov. 
act. nat. cur. XVIII. p. 2. 785. Ebenso' verhalten sich die Samen¬ 
thierchen in den Zellen der Antheren der Lebermoose, z. B. der 
Marchantien und der Jungermannien, nach den Untersuchungen 
von Meyen. 
Die Samenthierchen der Charen bilden sich in gegliederten 
Fäden, welche man in ihren Antheren findet, und welche mit 
den Antheren Zusammenhängen, diese Fäden bestehen aus anein¬ 
ander gereihten Zellen. Varley gab die erste vollständigere Be¬ 
schreibung ihrer selbst und ihrer Bewegungen, die ausführlichste 
Untersuchung über diesen Gegenstand befindet sich in Meyens 
neuem System der Pflanzenphysiologie p. 218. Tab. XU. Fig. 17 — 28. 
In jedem Gliede des Pollenfadens entwickelt sich eine kugelige 
Schleimzelle und in jeder Zelle ein einzelnes Samenthierchen. 
Anfangs sind die Samenthierchen unförmlich, in den reiferen 
Zellen sieht man sie schon in eine Spirale zusammengewunden, 
aber noch ruhig, in noch reiferen sieht man schon ihre Bewe¬ 
gungen!, indem sie sich lebhaft drehen. Unter dem Mikroscop 
kann man sehen, wie die Wand der Glieder des Pollenfadens 
durchbrochen wird, und das Samenthierchen mit dem dickem 
Theil vorne hervorkommt. Herr Prof. Meyen hat die Güte ge¬ 
habt mir diesen ganzen Vorgang unter dem Mikroskop zu zeigen- 
Diese Samenthierchen sind ausserordentlich lang, so dass jedes in 
seiner Zelle nur im zusammengerollten Zustande Platz hat. Wenn 
sie sich ausser der Zelle im Wasser bewegen, so geht das feinere, 
fadenförmige Ende voraus. Diese lebenden Theilchen sind Fäden 
von der Gestalt der Trichocephalen, an dem einen Ende sind sie 
dicker, dieser dickere Theil geht ganz alhnählig in den dünnen,
        

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