Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Physiologie des Menschen für Vorlesungen. Zweiter Band
Person:
Müller, Johannes
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit17252/634/
628 VII. Buch. V. d. Zeugung. II. Abschn.- Geschlechtl. Fortpflanz. 
der Scham, sondern an der Rückenseite derselben oder am Schwanz. 
Sie ist ein hohler blinddarmähnlicher Schlauch, dessen Wände 
cavernöses Gewebe enthalten. Das offene Ende ist der Scham 
zugekehrt. Auf der innern Seite des Schlauches befindet sich 
eine Rinne. Die Schlangen und Eidechsen haben zwei solche 
Ruthen. Sie kehren sich bei der Begattung wie die Finger 
eines Handschuhes um, so dass die Rinne aussen liegt, und zur 
Fortleifung des Samens aus der Cloake dient. Bei den Yipera, 
Crotalus und Prython ist sogar jede dieser Ruthen an ihrem von 
der Scham abgewandten hintern Theile in zwei Schläuche get'neilt. 
Nach der Umkehrung ist daher jede dieser Ruthen am freien 
Ende gabelig. Bei den Eidechsen und Schlangen wird die Ruthe 
nach der Ausstülpung durch Muskeln zurückgezogen und einge¬ 
stülpt, welche sich am blinden Ende des Schlauches befestigen. 
3. Die Enten, Gänse und die dreizehigen Strausse (Rhea, 
Casuarius, Dromaius) haben eine Combination des ersten und 
zweiten Typus; sie haben einen festen, an der Bauchseite der 
Scham befestigten Theil der Ruthe aus fibrösen Körpern mit 
einer Rinne und einen ausstülpbaren blinddarmartigen Theil der 
Ruthe, von demselben Bau, wie bei den Schlangen und Eidech¬ 
sen. Aber der letztere Theil ist nicht doppelt, und liegt in der 
Ruhe, wie ein Darmstück gewunden, neben der Cloake. Das 
offene Ende dieses Schlauches mündet am Ende des festen Tlieils 
der Ruthe und stülpt sich bei der Begattung um und hervor, so 
dass die Ruthe dann um das doppelte der Länge des festen Tbeils 
vergrössert wird. Da die im Innern des Schlauches an dessen 
Wand angebrachte Rinde bei der Ausstülpung aussen liegt, so 
bildet sie eine Fortsetzung der Rinne des festen Tbeils der Ruthe. 
Der schlauchförmige Theil der Ruthe wird nach der Begattung 
durch ein elastisches Band zurückgezogen und eingestülpt. Siehe 
J. Mueller Abhandlungen der Academie der Wissenschaften zu Berlin. 
1836. Die weiblichen Enten, Gänse und dreizehigen Strausse haben 
einen ähnlichen, aber sehr viel kleinern Körper, die Clitoris, der 
nach demselben Princip gebaut ist. Die Clitoris der Säugethiere 
ist nach dem Princip der Ruthe des männlichen Säugethierembrvo 
oder vielmehr beide nach demselben Princip gebildet. Die grosse 
Clitoris und der Penis mit noch gespaltenem Corpus cavernosum 
urethrae sehen sich anfangs ganz gleich. Beide haben Musculi 
ischio-cavernosi und constrictores pudendi, nach dem Schliessen 
der fötalen Dammöffnung der Männchen wird der Constrictor curini 
zum Musculus bulbocavernosus. Bei den Weibchen verkürzt sich 
die Clitoris, die Lippen der Clitorisfurche werden kleine Scham¬ 
lippen. So lange die Dammöffnung der Männchen sich noch nicht 
geschossen hat, gleichen auch die Hodensackfalten den grossen 
Schamlippen, sie sind leere Falten, während die Hoden sich noch 
in der Bauchhöhle befinden. Die Hoden bleiben bei mehreren 
Säugethieren, Cetaceen, Schnabeilhier, Elephant, Hyrax für immer 
in der Bauchhöhle, bei den meisten Säugethieren gelangen sie, 
wie beim Menschen, vor dem Ende des Embryolebens in eine 
Aussackung der Bauchhöhle bis in den Hodensack, und hernach 
schnürt sich dieser Fortsatz der Bauchhöhle von der eigentlichen
        

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