Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Physiologie des Menschen für Vorlesungen. Zweiter Band
Person:
Müller, Johannes
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit17252/592/
586 VI. Buch. V. Seelenleben. III. Abschn. IVechsehvirkung d. Seele 
sind in den Sinnen gegenwärtig. Sie haben an mul für sich die¬ 
selbe Beweiskraft für ihre wirkliche Existenz als äussere Gegen¬ 
stände selbst, von denen wir nur durch unsere Sinnesaff’ectionen 
wissen. Ist daher die Schärfe für die Zergliederung der Sinnes- 
erscheinungen verloren, so ist auch kein Grund vorhanden, ihre 
Nichtrealität anzunehmen. Selbst der Wachende, der Phantasmen 
hat, hält sie bei geringer Schärfe des Vorstellungsvermögens für 
wirklich. Dagegen weiss man auch zuweilen, wenn das Träumen 
dem wachenden Zustande näher ist, dass man wirklich träumt, und 
man lässt das Träumen mit dieser leitenden Vorstellung fortgehen. 
Eine sehr häufige Erscheinung im Traume ist, dass wir träu¬ 
men intendirte Bewegungen nicht ausführen zu können. Wir 
wollen einer Gefahr entfliehen und wir können nicht. Hier 
entspricht der Traum der wirklichen Unfähigkeit des Sensoriums, 
die zu den willkürlichen Bewegungen erforderlichen Wirkungen 
des Nervenprincips auszuführen, oder dem gebundenen Zustande 
der organischen Kräfte des Sensoriums. Einige haben im Traum 
noch eine gewisse Herrschaft über die willkürliche Bewegung, 
reden, bald verwirrt, bald klar, im Schlaf und Traum. Hier¬ 
her auch das Schlafen hei schwierigen Stellungen, z. B. die Po¬ 
stillione schlafen oft zu Pferde, die Vögel schlafen stehend und 
seihst zürn Theil auf einem Bein stehend. Zum Schlaf und Traum 
gehört eben nur eine Verdunkelung eines sehr grossen Theils 
der Vorstellungen, die im Wachen zugänglich sind; aber dieje¬ 
nigen Vorstellungen, die in Thätigkeit sind, können auch, wenn 
das Schlafen nicht zu tief ist, auf die Bewegungsorgane wirken. 
Man sieht, wie nahe sich hier die pathologischen Zustände des 
Schlafes anschliessen. Im Schlafe deutliche zusammenhängende 
Worte reden, aufstehen und Geschäfte verrichten, das sind alles 
Erscheinungen von vollkommen gleicher Art. Der Somnambulist 
stellt fast auf gleicher Stufe mit dem Somnostatist, dem im Schlafe 
stehenden Vogel. 
Der einfachste Grad des Somnambulismus wird hei Kindern 
mit reizbarem Nervensystem beobachtet, welche im Schlafe unru¬ 
hig werden, rufen, jammern, sich trösten lassen und Sprechende 
verstehen, auch bei offenen Augen sie erkennen, aber doch, un¬ 
geachtet der Fähigkeit zu willkürlichen Bewegungen und zu Sin¬ 
nesvorstellungen aus dem beängstigenden Vorstellungskreis des 
Traums lange Zeit nicht erwachen. Hier ist das Vorstellen bis 
auf einen gewissen Grad wach, aber es fehlt an hinreichend 
klaren Vorstellungen, w’elche die beunruhigte Vorstellungsmasse 
ins Gleichgewicht ziehen. Dieser Zustand gleicht dem des be¬ 
ginnenden Erw'achens, wo man auch mit dem Erwachenden re¬ 
den kann, er aber verwirrte Antworten giebt, und das, was um 
ihn vorgeht, mit seinen Traumbildern und Traumvorstellungen 
vermengt. 
Bei höheren Graden des Somnambulismus steht der Träu¬ 
mende auf, lebt vollständig in den, mit dem beunruhigten Vor¬ 
stellungskreis zusammenhängenden Vorstellungen und Sinnesein¬ 
drücken, verrichtet damit zusammenhängende, oft gefahrvolle 
Handlungen ohne ßewusstseyn der Gefahr, und geht über gefahr-
        

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