Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Physiologie des Menschen für Vorlesungen. Zweiter Band
Person:
Müller, Johannes
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit17252/564/
558 VI. Buch. V. Seelenleben. III. Ahschn. Wechselwirkung ;!. Seele 
sehiedene Tlieile der Retina nacheinander einer und derselben 
Beleuchtung auszusetzen. Alle Theitchen der Retina stellen in 
Beziehung mit bestimmten Contractionsgraden der Muskeln, und 
so sei durch die Erziehung die Beleuchtung und Empfindung an 
bestimmten Stellen der Netzhaut stillschweigend an das Bewusst- 
seyn der jenen Stellen ungehörigen Contractionsgrade geknüpft. 
Bei einer weitern Zergliederung dieser Vorstellung findet sich 
indess leicht, dass sie etwas rein unmögliches voraussetzt. Denn 
wenn nicht die einzelnen Theilchen der Retina in der Qua¬ 
lität der Empfindung von Natur verschieden sind, so lassen sie 
sich auch nicht von einander als verschieden wiedererkennen, 
und ohne diese Unterschiede der Qualität lässt sich kein Con- 
tractionsquantum mit einem Theilchen der Retina in der Erinne¬ 
rung comhiniren. In der That nimmt auch Toujvtuaj., welcher 
die unmittelbare Empfindung der räumlichen Ausdehnung des 
Organismus läugnet, an, dass die Seele von allen Theilen des 
Körpers Empfindungen erhalte, die in dem Wie der Empfindung 
verschieden sind, und dadurch entstehe die Unterscheidung ver¬ 
schiedener Tlieile des Körpers. Bedenkt man aber, dass ein neu- 
gebornes Thier sogleich Anschauungen vom räumlichen Neben¬ 
einander durch den Gesichtssinn hat und Bilder wahrnimmt, 
indem es auf die Zitzen der Mutter hingeht, so glaube ich 
lässt sich die Thatsache nicht bestreiten, dass vor aller Erzie¬ 
hung räumliches in der Retina als räumliches wahrgenommen 
werde. Hat aber die Seele das Vermögen, das räumliche Neben¬ 
einander des Körpers zu unterscheiden, so ist es unbegreiflich, 
wie eine bloss in einem Puncte existirende Monade dazu kommen 
soll. Möge sie sich auch über alle Theilchen der Retina hinbe¬ 
wegen können, und durch die Excursioncn nach allen Richtungen 
sich eine Summe aus ihren eigenen Veränderungen bilden, so 
entspricht doch das Simultane in einer Empfindung, die Möglich¬ 
keit der unmittelbaren Auffassung einer bestimmten flächenhalten 
Ausdehnung einer Empfindung nicht wohl dieser Ansicht. Wenn 
dem so ist, so ist auch die Ansicht wahrscheinlicher, dass die 
Seele in der ganzen Organisation des Gehirns zugleich wirksam 
sei, ohne selbst aus Theilen zusammengesetzt zu seyn, und dass 
sie die Unterschiede des Räumlichen in den Sinnen durch ihre 
allgemeine Gegenwart wahrnehme. Wir müssen uns aber wohl 
hüten, dieses für eine Erklärung zu halten. Denn es bleibt hier¬ 
bei immer unbegreiflich, wie das sich berührende materielle der 
Sinne, welches jedenfalls allen räumlichen Anschauungen des sinn¬ 
lich Empfundenen zu Grunde liegt, als aussereinander vorgestellt 
werde. Auch wenn ich mir bildlich denke, dass die sich berüh¬ 
renden materiellen Theilchen in der empfindlichen Substanz der 
Sinnesorgane in die Vorstellung als sich gegenseitig abstossend; 
Puncte, wovon andere andere abstössen, aufgenommen werdet, 
so ist diess eben nicht mehr als ein Bild, und der Uebergang 
von organisirten Theilchen zum Vorstellen ist noch ebenso schw:r 
oder nicht zu begreifen, wie das Verhüllniss der Seele zur Orga¬ 
nisation überhaupt. 
Es ist leicht zu sagen, den Knoten zerhauend, dass Orgaii-
        

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