Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Physiologie des Menschen für Vorlesungen. Zweiter Band
Person:
Müller, Johannes
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit17252/545/
2. Vom Gemiith. Einfache GemüthszustänJe. 
53.9 
sam wieder ein Theil unseres Selbst geworden ist, ist das Gleich¬ 
gewicht hergestellt. 
Alle Leidenschaften lassen sieb auf Lust, Unlust, Begierde 
zurückführen, und in allen wiederholen sich als Elemente Vor¬ 
stellung des Selbst oder Eigenlebens, Vorstellung der dem Eigen¬ 
leben entgegengesetzten, dasselbe hemmenden oder erweiternden 
Grössen, Selbsterhaltungsstreben und Hemmung oder Förderung 
desselben. 
Was das Verhältnis der Leidenschaften zur Organisation 
und zum Gehirn betrifft, so kömmt es, wie ich glaube, vor allem 
darauf an, die schon öfter erörterte Thatsache voranzustellen, 
dass das organische Wirken vor dem Vorstellen ist und durch 
die Organisation des Gehirns erst das Seelenleben in der Weise 
des Vorstellens möglich macht. Vorstellen und Gemüthsbewegung 
verhalten sich nicht gleich in Beziehung auf das Gehirn. Ein 
unbewusstes Streben der Organismen hat seinen Grund nicht 
allein im Sensorium commune. In allem Organischen findet sich 
ein Umsichgreifen und Beharren im Besitz. Auch die Pflanze 
strebt wachsend in diesem Sinn, und insofern ist das Streben 
auch im Menschen viel weiter begründet, und vielmehr eine im 
ganzen Organismus sich äussernde, die Organisation selbst bedin¬ 
gende Thätigkeit. Bei den Thieren hat aber dieser orgauische 
Appetitus seinen R.eflex im Sensorium, und erscheint dem vor¬ 
stellenden Wesen, was die auf die Aussenwelt und das Ich sich 
beziehenden Vorstellungen unterscheidet, als eine dunkle instinkt¬ 
artig sich geltend machende Macht des Eigenlebens (ich will), als 
eine Macht, die sich selbst fort und fort bejaht und affirmirt und 
aus allen mit dem Eigenleben zusammenhängenden Vorstellungen 
Nahrung zieht, indem sie Hemmung und Erweiterung darin vor¬ 
findet. Ob die Aufnahme und Sammlung dieser Reflexe im Ge¬ 
hirn irgendwo durch die Organisation desselben erleichtert ist, 
ob es in ihm in diesem Sinne eine affective Provinz giebt, diess 
zu verneinen liegen keine allgemeinen Gründe vor. Es fehlen 
aber auch alle Thatsachen, welche die Absonderung von Organen 
für die Appetite wahrscheinlich machten, und jedenfalls giebt es 
nnr überhaupt einen einzigen uncl gleichen Appetitus, eine einzige 
ursprüngliche Sucht der Beharrung und des Umsichgreifens, wel¬ 
che verschiedene Vorstellungsobjecte haben kann und durch die 
organischen Zustände derjenigen Organe, die mit der Aussenwelt 
in specifischem Verkehr sind, Richtung erhalten kann. Siehe 
über die Grn/sche Schädellehre oben I. Band, 3. Auflage //. 854. 
Man kann durch bloss körperliche Veränderungen einmal 
weniger, eia andermal mehr zu Leidenschaften, zu Freude, 
Traurigkeit und Begierden disponirt seyn. Die Leidenschaften 
und Begehrungen der Liebe werden bei geringer Disposition zur 
organischen Mittheilung und Erregung und hinreichender äusserer 
Ursache zuweilen gar nicht erregt, dagegen bei geringer äusserer 
Ursache und grosser organischer Spannung im Nervensystem und 
den Geschlechtstheilen sehr leicht erreg!. Eine Leidenschaft, eine 
Zutraulichkeit, Offenheit, Freundschaft, die im nüchternen Zu¬ 
stande nicht möglich ist, wird durch Veränderung der organi-
        

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