Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Physiologie des Menschen für Vorlesungen. Zweiter Band
Person:
Müller, Johannes
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit17252/523/
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2. Seelenleben im engem Sinn. V’erstandeshegriffe. 
Zustand des Gehirns Einfluss hat. Zum Bewusstwerden von Em¬ 
pfindungen kömmt die Seele allerdings nur dureh die Sinnesnerven 
und ihre Wirkung auf das Gehirn, aber das Behalten und Re- 
produciren der Vorstellungsbilder von sinnlichen Gegenständen 
schliesst jede Idee von einem Fairen der Ordnungen von Vorstel¬ 
lungen in Hirntheilchen, z. B. den Ganglienkörperchen der grauen 
Substanz aus. Denn die in der Seele angesammelten Vorstellun¬ 
gen verbinden sich untereinander nach den verschiedensten Prin- 
eipien, z. B. der zeitlichen Succession, der Gleichzeitigkeit, der 
Aehrtlichkeit, des Widerspruchs und die Relationen der Vorstel¬ 
lungen ändern sich jeden Augenblick. Es ist zwar richtig, dass 
nach organischen Veränderungen des Gehirns, zuweilen das Ge¬ 
dächtnis für gewisse Zeitperioden, oder für gewisse Arten von 
Namen, Hauptwörter, Eigenschaftswörter schwindet. Die erstere 
Thatsache wäre indess materiel nur durch die Annahme einer 
successiven Fixirung der Erfahrungen der Seele in geschichte¬ 
ten Theilen zu erklären, woran nicht entfernter Weise gedacht 
werden kann. Wollte man ferner im Allgemeinen den Ganglien¬ 
körperchen das Vorstellen und Denken zuschreiben, und das 
Erheben der Vorstellung vom Einzelnen zum Allgemeinen, vom 
Allgemeinen zum Besonderen einer relativen Steigerung der Action 
des peripherischen Theils der Ganglienkörperchen im Verhält-' 
niss zu ihren Kernen, oder der Kerne im Verhältniss zu den 
peripherischen Theilen zuschreiben, wollte man das Verbinden 
der Vorstellungen zu einem Gedanken oderUrtheil, welches durch 
die Vorstellung von dem Objecte, Prädicate und der Copula 
zugleich geschieht, von einer Wechselwirkung der Ganglienkör¬ 
perchen und einer Thätigkeit der sie verbindenden Fortsätze als 
Copula ableiten, wollte man die Association der Vorstellungen 
nach der Zeit ihrer ersten Entstehung und nach der Gleichzei¬ 
tigkeit ihrer ersten Entstehung von einer successiven Action ver¬ 
bundener Ganglienkörperchen oder gleichzeitigen Action mehrerer 
Ganglienkörperchen begleiten lassen, so würde man sich nur in 
vagen und ganz unbegründeten Hypothesen bewegen. 
Man kann daher nur im Allgemeinen vermuthen, dass von 
der Intensität der organischen Wirkungen jener Theilchen die 
Klarheit und Schärfe unserer Vorstellungen abhängt. 
Primitive Vorstellungen, Verstandesbegriffe. 
Die Erfahrung, dass unsere Gedanken mit den Verhältnissen 
der Objecte übereinstimmen können, hat die Philosophen von 
jeher veranlasst, zu untersuchen, ob diese Uebereinstimmung in 
der sinnlichen Erfahrung, in dem Zeugniss der Sinne allein ihre 
Quelle oder zugleich in einer gewissen praestabilirten Harmonie 
zwischen der Welt der Erscheinungen, dem Macrocosmus und 
dem denkenden Microcosmus habe und durch gewisse dem Zu¬ 
sammenhänge der W elterscheinunge n und dem Zusammenhänge 
der Gedanken gleich nolhwendige Gesetze entstehe. Im erstem 
Falle behauptet man: Nihil est in intellectu, quod non erat in 
sensu, im zw’eiten behauptet man die Existenz a priorischer Begriffe,
        

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