Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Physiologie des Menschen für Vorlesungen. Zweiter Band
Person:
Müller, Johannes
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit17252/516/
510 IV. Buch. Vom Seelenleben. I. Abschn. Natur der Seele. 
Betrachtung der letztem Art vermieden, und die Aufgabe war 
vielmehr auch das Wahrscheinliche nur hinzustellen, wie es sich 
aus einer philosophischen Zergliederung der Empirie ergiebt. Da 
es mir durchaus unschicklich erscheint, diese Methode mit einer 
andern in unserer Wissenschaft zu verwechseln und aus der einen 
in die andere nach Bedürl’niss und Vorliebe überzugehen oder 
zu interpoliren, so muss ich mich darauf beschränken, eine spe¬ 
culative Entwickelung jener beiden Alternativen ohne Begünsti¬ 
gungen des einen und andern einfach in dem Folgenden hinzu¬ 
stellen. Ich bin einer besondere Form der Philosophie nicht aus¬ 
schliesslich gefolgt, sondern habe jedes der beiden Systeme so dar¬ 
gestellt, wie es ohne Verwickelung mit den physiologischen That- 
sachen und im möglichsten Einklang mit denselben am reinsten 
geschehen kann. 
B. C o sm o i o gi s cli e Systeme. 
1. Hypothese von den bewegenden, den organischen Körpern 
eingebildeten Ideen ah Ursache der Organisation und des Seelenlebens. 
In der ganzen Weltordnung sind zwar Ideen des göttlichen 
Geistes ausgeführt, aber nur in den organischen Wesen wirken 
solche göttliche Ideen, welche ihres Gleichen immer wieder er¬ 
zeugen, und den Mechanismus zu den Wirkungen organischer 
Körper selbst aus der Materie hervorrufen. Die bewegende Idee 
eines organischen Körpers ist daher ein Ausfluss der Gottheit, der 
von der Schöpfung an in ihm und seinen, Producten lebt. Diese 
Idee ist das Einzige, was in den organischen Körpere Bestand 
bai, denn die Materie verlässt sie, und fort und fort wird neue 
Materie dieser bewegenden Idee unterworfen. Die Materie selbst 
ist ohne ihr einwohnende Seele und Leben. Nicht einmal die 
Potenz zu diesen Wirkungen kömmt der Materie an sich zu. 
Vielmehr hängen alle Lebens- und Seelenerscheinungen, die in 
der von den organischen Körpern verarbeiteten Materie auftreten, 
lediglich von der die Organismen beherrschenden Idee ab. Diese 
Lehre, welche mythisch im Timaeus des Platon vorgetragen wird, 
aber auch die am meisten verbreitete Ansicht vom Verhältniss 
des Lebensprincips und der Seele zum Körper ist, kann die be¬ 
wegende Idee des Lebens nach dem Tode die Vereinigung mit 
dem Körper aufgeben und die Seele als Ausfluss der Gott¬ 
heit dahin gehen lassen, von wo sic bei der Schöpfung der be¬ 
seelten Wesen ausgegangen ist. Die Seele ist also an und für 
sich der, durch die blossen physicalischen Kräfte thätigen Materie 
fremd, nur an sie gebunden, und dieses Band kann sich lösen. Die 
verschiedenen Mythen über den Zustand der Seele nach dem Tode, 
was die Pythagoräer und was Platon lehrten über das Schicksal der 
Geister nach dem Tode, die Ideen der Neuplatoniker und Mystiker 
von der möglichen Befreiung der Seele von den Banden der Materie 
in diesem Lehen selbst, und was davon in das Practische übergegan¬ 
gen ist, alle diese Lehren sind Variationen einer und derselben cosmo- 
logischen Grundansicht, und diese ist, dass die Seele dem physischen
        

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