Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Physiologie des Menschen für Vorlesungen. Zweiter Band
Person:
Müller, Johannes
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit17252/512/
50(i VI. Buch. Vom Seelenleben. I. Abschn. Natur der Seele, 
Wesens, dessen Lebensidee eine verschiedene ist. Dennoch sind 
aucli die verschiedenen organischen Wesen durch ein höheres 
ihrer Schöpfung zu Grunde liegendes Rand verbunden, welches 
sie nach Classen, Ordnungen, Familien, Gattungen, Arten geordnet 
hat. Die Gattung existirt nur in den von einander unabhängigen 
Arten, aber nicht als Organismus, welcher die Arten erzeugt. 
Einheit des Grundgedankens in der höchsten logischen Mannig¬ 
faltigkeit der Ausführung spricht sich überall in dem System der 
Pflanzenwelt und ebenso im Thierreiche aus; aber jede einzelne 
Form in der Mannigfaltigkeit von Arten, die zu einer Gattung 
gehören, vermag den Tvpus ihrer Bildung und ihres innern Le¬ 
bens nicht zu verlassen. Die Art stirbt daher aus, sobald alle 
dazu gehörenden lebenden Individuen und ihre Reime ausgerottet 
sind. Ausser diesem Sinne ist sie unvergänglich, da ein Theil 
ihrer Kraft aus den vergänglichen Producenten sich in die Pro- 
ducte ergiesst. 
D ie Thätigkeit des in den Organismen eine Idee verwirkli¬ 
chenden Lebensprincips ist uns nur in so weit bekannt, als sie in 
den Organismen selbst stattfindet. Eine freiwillige Erzeugung be¬ 
stimmter organischer Formen ausser den vorhandenen ur.d ohne 
cyclische Ueberlieferung der gleichen Form von den Producenten 
auf das Product, würde, wenn sie wirklich bestände, ein Beispiel 
einer, ausser den Organismen vorhandenen, Ideen verwirklichen¬ 
den Naturkraft seyn. Aber die Generatio aequivoca entrückt sich 
der exacten Forschung als ein Unerwiesenes und Unerweisliches. 
Es ist in keiner Weise wahrscheinlich, dass das nach einer 
Idee thätige Lebensprincip eines Organismus, welches die Zusam¬ 
mensetzung der Organe erzeugt, selbst etwas aus Theilen Zusam¬ 
mengesetztes sei, und dasselbe gilt von der empfindenden Seele 
der Tbiere. Etwas, was durch die Zusammensetzung seine Wesen¬ 
heit erhält, verliert seine Wesenheit durch die Theilung. Das 
organisirende Princip einer Pflanze und eines Thiers kann aber 
mit der Pflanze und mit dem Thiere gelheilt werden, und behält 
seine Wesenheit zu organisiren, so dass die ge theil len Polypen 
und Planarien neue zweckmässig organisirende, und ihr Ebenbild 
schaffende, organische Wesen werden, oder schon sind. Dasselbe 
gilt auch von der empfindenden und vorstellenden Seele der Thiere, 
wenn sie von dem Lebensprincipe verschieden seyn sollte. Sie 
kann nichts aus Theilen Zusammengesetztes seyn, denn so müsste 
sie durch die Theilung eines Thieres ihre Wesenheit verlieren. 
Die Seele wird aber mit dem Thiere getheilt und behält ihre 
Wesenheit, denn die getrennten Theile sind wieder selbstisch be¬ 
seelt, empfinden, wollen und begehren. Was von der Seele der 
Thiere gilt, muss auch von der des Menschen gelten. Denn Alles, 
was empfindet und sich freiwillig nach dem Begehrten bewegt, ist 
auch beseelt, wie bereits Aristoteles in der Schrift von der Seele 
lehrte, indem er sagt: Sobald sie empfinden, haben sie auch 
Vorstellung und Begierde; denn wo Empfindung, da ist Schmerz 
und Vergnügen und w/o einmal diese, da ist auch Begierde. 
Das Lebensprincip und die Seele eines Thiers verhalten sich also 
in dieser Hinsicht gleich. Sie sind in der ausgedehnten Materie
        

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