Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Physiologie des Menschen für Vorlesungen. Zweiter Band
Person:
Müller, Johannes
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit17252/504/
498 V. Buch. Von den Sinnen. V. Abschn. Vom Gefühlssinn. 
den Genitalien, geringer in der weiblichen Brust, in den Lippen, 
in der Haut und in den Muskeln. 
Die Empfindung des Schmerzes scheint durch die Heftigkeit 
der r Gefühlserregung bestimmt zu seyn. 
Das Gefühl der Wärme und Kälte entsteht am leichtesten 
durch Veränderung des Zustandes der Materie in den thierischen 
Theilen, vermöge der physicalischen Wärme, aber oft auch ent¬ 
steht das Gefühl der Wärme und Kälte, wo sie mittelst des Ther¬ 
mometers nicht nachweisbar sind, durch eine Verstimmung in 
den Nerven, und die plötzliche Empfindung der grössten Kälte 
und der Verbrennung scheinen sich sehr ähnlich zu seyn. 
Bei der Vergleichung der Temperaturen ungleicher Medien 
durch das Gefühl kömmt übrigens auch die Mittheilungsfähigkeit 
der Körper für die physicalische Wärme in Betracht. Dieselbe 
Temperatur wirkt sehr viel stärker auf unsere Haut, und wird 
viel wärmer gefühlt, wenn es Wasser als wenn es Luft ist. Kal¬ 
tes Wasser erscheint auch kälter als Luit von derselben Tempe¬ 
ratur, weil das Wasser die Wärme unserem Körper schneller 
entzieht. 
Gefühl und Vorstellung. 
Eine Gefühlsempfindung wird immer dann bewusst, wenn 
das Sensorium commune darauf aufmerksam ist. Ohne diese In¬ 
tention kann der organische Vorgang der Empfindung vorhanden 
seyn, aber sie wird nicht bemerkt. Durch die Intention der Vor¬ 
stellung erhält eine Gefühlsempfindung auch grössere Schärfe und 
Intention. Eine schmerzhafte Empfindung ist um so schmerzhafter, 
je mehr sich die Aufmerksamkeit darauf richtet. Eine an sich 
unbedeutende Empfindung kann auch durch die Vorstellung eine 
sehr lästige Dauer erhalten, wie die Empfindung des Juckens au 
einer ganz beschränkten Stelle der Haut. Wenn Jemand heim 
Sprechen Theilchen Speichel umherspritzt, die uns im Gesichte 
treffen, so wird die Empfindung davon durch die Vorstellung des 
Speichels sehr gesteigert und dadurch langwierig. 
Durch die Mitwirkung der Vorstellung und den Gebrauch 
der schon gewonnenen Erfahrungen kommen wir dahin, das Em¬ 
pfundene bald in uns, bald ausser uns zu setzen. An und für sich 
kann man nur den in den Nerven vorhandenen Zustand empfin¬ 
den, mag er von aussen oder innen erregt seyn. Fühlen wir et¬ 
was an, so fühlen wir nicht das äussere Ding selbst, sondern nur 
die Hand, welche das Ding berührt, die Vorstellung der äussern 
Ursache bewirkt, dass wir das Empfundene den Körper selbst 
nennen. Wie die Vorstellung von der Aussenwelt als dem eige¬ 
nen Körper entgegengesetzt zuerst erworben werde, ist schon 
oben p. 355. auseinander gesetzt. Vorstellung von fühlbaren Ge¬ 
genständen beruht in letzter Instanz auf der Möglichkeit die ver¬ 
schiedenen Theile unseres Körpers als räumlich verschieden zu 
unterscheiden. Diese Unterscheidung wird durch den Gebrauch 
des Sinnes lebhafter und sicherer. Sie erlangt hei dem Erwach¬ 
senen einen solchen Grad von Gewissheit, dass wir seihst hei ei-
        

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