Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Physiologie des Menschen für Vorlesungen. Zweiter Band
Person:
Müller, Johannes
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit17252/414/
40S V. Buch. Von den Sinnen. II. Ahschn. Vom Gehörsinn. 
Wellen kreuzen. Bei einem resonirenden Körper hängt die Breite 
dieser Wellen nicht von ihm seihst ah, und es sind nicht not¬ 
wendig aliquote Theile seines Ganzen, sondern die Breite der 
Wellen ist durch den tönenden Körper bedingt. Bei einem tö¬ 
nenden Körper sind die entstehenden Wellen immer aliquote 
Theile seines Ganzen. Aber ein begrenzter schallleitender Körper 
kann sich seJbst wie ein tönender in nähere, grössere Abtheilun¬ 
gen thcilen, indem sieh Knoten und Knotenlinien bilden. Solche 
Knotenlinien z. B. zeigen sich nach Savart’s Versuchen auf ge¬ 
spannten den Schall leitenden Membranen, wenn man sie mit einem 
leichten Pulver bestreut. Scheiben zeigen dasselbe, wenn man 
sie mittelst eines Stabes mit dem tönenden Körper in Verbindung 
bringt, wie Savaet gezeigt hat. Ueber den Unterschied der Klang¬ 
figuren mittönender und selbsttönender Körper siehe Weber Wcl- 
lenlehre. p. 541. 
Der Ton eines Körpers kann unter bestimmten Bedingungen 
in einem begrenzten elastischen Körper nicht bloss Resonanz, 
sondern auch ein Selbsttönen des letztem erregen, in welchem 
Fall der letztere Körper seinen eigenen, vom ersten verschiede¬ 
nen Ton giebt. Gespannte Saiten sind des Mitklingens in ihrem 
eigenen Ton fähig. Hierzu scheint nicht bloss ein hoher Grad 
von Elasficität und scharfe Begrenzung, sondern auch die Bedin¬ 
gung nöthig zu seyn, dass die Wellen des ersten Tons zu den 
Wellen des Grundtons des mitlönendcn Körpers in einem einfa¬ 
chen Verhältnisse stehen. 
Endlich aber kann ein elastischer und begrenzter Körper, 
unter bestimmten Bedingungen auch den Ton eines selbsttönenden 
Körpers in der Höhe modificiren, indem sich beiderlei Schwingun¬ 
gen gegenseitig zur Bildung von Wellen modificiren, welche we¬ 
der dem einen, noch dem andern Körper eigen seyn würden. So 
modificirt die mit einer Zunge verbundene mitschwingende Luft¬ 
säule den Ton der Zunge. Siehe oben p. 146. Ein anderes merk¬ 
würdiges Beispiel dieser gegenseitigen Einwirkung beobachtete 
ich an einer Pfeife, deren offenes Ende ich mit einer Membran 
(Schweinsblase) schloss. Eine einfüssige am Ende mit einem Sto¬ 
pfen gedeckte Pfeife giebt bekanntlich c als Grundton, wird aber 
das Ende der Pfeife statt des Stopfens mit einer locker gespann¬ 
ten Membran gedeckt, so ist der Grundton der Pfeife beim schwäch¬ 
sten Blasen nicht mehr c, sondern eine Terze bis Quinte tiefer, 
wird die Membran stärker gespannt, so erhöht sich der Grundton 
der Pfeife, und bei der stärksten Spannung wirkt die Membran, 
wie ein fester Stopfen. 
Die schallleitenden Flüssigkeiten zeigen in unmittelbarer Be¬ 
rührung mit den tönenden Körpern noch eigentümliche Beu- 
gungswellen an ihrer Oberfläche, welche von den Verdichtungs¬ 
wellen der Schallleitung wohl zu unterscheiden sind. Sie zeigen 
nämlich auf ihrer Oberfläche sehr regelmässig kleine wellenartige 
Erhebungen und Vertiefungen, wie stehende Wellen. Diese Er¬ 
scheinungen sind von Oersted, Purkinje, Chladni und W. Soem¬ 
mering und Faraday beschrieben. Siehe Chladni und W. Soem-
        

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