Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Physiologie des Menschen für Vorlesungen. Zweiter Band
Person:
Müller, Johannes
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit17252/408/
402 V. Buch. Von den Sinnen. II. Ahschn. Vom Gehörsinn. 
der Saite verbunden, ohne dass dadurch die Zahl der Schwin¬ 
gungen eine andere wird, als bei blosser transversaler Schwin¬ 
gung. Wird z. B. die Saite in der Nähe ihres Befestigungspunctes 
angezogen, so macht sie nicht bloss transversale Schwingungen, 
so wie wenn sie in der Mitte ihrer Länge angezogen wird, d. h. 
transversale Schwingungen mit einer Länge der Welle, welche 
der Länge der Saite gleich ist, sondern der Gipfel der Welle läuft 
abwechselnd von einem zum andern Ende und zurück, indem er 
sich heim Anstossen an den Befestigungspuncten jedesmal nach der 
entgegengesetzten Seite der Saite umkehrt. Die Zahl der Schwin¬ 
gungen einer so schwingenden Saite ist ganz dieselbe, wie wenn 
sie, bei gleicher Luge des Gipfels der Welle in der Mitte der 
Saite, schwingt, und da die Höhe des Tons von der Zahl der 
Schwingungen in bestimmter Zeit abhängt, so ist die Höhe des 
Tons in beiden Fällen gleich; aber der Klang ist etwas verschie¬ 
den. Dieser Umstand ist für die Theorie des Klanges von Wich¬ 
tigkeit. 
Stehende Wellen entstehen auch, wenn man durch leichte 
Unterstützung oder schwache Berührung einer Saite einen Schwin¬ 
gungsknoten bildet, und den isolirten Theil der Saite streicht. 
Wird z. B. die Saite in der Mitte berührt, dann aber die eine 
Hälfte der Saite mit dem Violinbogen gestrichen, so schwingt 
nicht bloss die gestrichene Hälfte der Saite transversal, sondern 
auch die andere Hälfte in entgegengesetzter Lichtung. Nun ist 
die Zahl der Schwingungen das Doppelte der Schwingungen der 
ganzen Saite, und der erregte Ton die Octave des Grundtons. 
Geschieht die Unterstützung oder Berührung an der Grenze zwi¬ 
schen dem ersten und dem zweiten Drittheil, so entsteht von 
selbst ein Schwingungsknoten auch zwischen dem zweiten und 
dritten Drittheil, und die Zahl der Schwingungen ist 3 Mal so 
gross, als die der ganzen Saite. So lässt sich durch Isolirung 
eines Viertels, Fünftels u. s. w. eine regelmässige Theilung der 
ganzen Saite in lauter Viertel, Fünftel, durch von seihst entste¬ 
hende Schwingungsknoten bewirken. Papierschnitzel auf den Stel¬ 
len der Schwingungsknoten angebracht, werden während des 
Schwingens nicht abgeworfen. Die auf diese Weise erzeugten 
Töne heissen Flageolettöne. 
Scheiben, welche durch den Fidelbogon in Schwingung ver¬ 
setzt werden, theilcn oich regelmässig in aliquote, in entgegenge¬ 
setzten Bichtungen schwingende 4. 6. 8 Abtheilungen, zwischen 
welchen die ruhenden Knotenlinien liegen, welche aufgestreuten 
Sand nicht abwerfen. Die Berührung des Bandes der Scheibe 
an einer Stelle erzeugt eine Knotenlinie, welche bestimmend wird 
für die Vertheilung der übrigen Knotenlinien. Die zweite Be¬ 
stimmung geht von der Stelle aus, welche mit dem Fidelbogen 
gestrichen wird. Diese gehört zu den bewegten Theilen, und 
wirkt bestimmend auf die Entstehung der bewegten Abtheilungen. 
Hierauf beruhen die Cht.vdni’scIhui Klangfiguren. 
Sowohl die stehenden als die fortschreitenden Schwingungen 
der elastischen Körper können Töne in unserm Gehörorgan her¬ 
vorbringen, wenn sie sich regelmässig wiederholen. Denn auch
        

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