Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Physiologie des Menschen für Vorlesungen. Zweiter Band
Person:
Müller, Johannes
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit17252/360/
351 V. Buch. Von den Sinnen. I. Abschn. Vom Gesichtssinn. 
darbieten, daher wir gleichsam zwischen den Bildern durchzage- 
hen scheinen, was für die Vorstellung so viel wird, als ein Hin¬ 
durehgehen zwischen den gesehenen Gegenständen im Schraume. 
So wird es also klar, dass das vorgestellte Sehfeld höchst 
wandelbar ist, während tlas Sehfeld der einlachen Empfindung 
durchaus von dem Umfang der Nervenhaut oder der inneren cen¬ 
tralen Theile des Sehapparates im Gehirn abhängig ist. Dem 
letztem entspricht am meisten ein solches Empfinden in der Ner- 
Yenhaut, wobei wir uns gar keine Objecte vorstellen, z. B. die 
Empfindung des dunkeln Sehfeldes bei geschlossenen Augen, 
oder die Empfindung des lichten Sehfeldes bei geschlossenen Au¬ 
gen, wenn das Licht durçh unsere Augenlieder scheint. Hier 
scheint auch das Sehfeld unmittelbar vor oder im Auge zu scyn. 
Sobald aber mit dem Gesehenen sich irgend eine Vorstellung von 
schon gesehenen Objecten verbinden lässt, so tritt auch die Pro¬ 
jection nach aussen in der Vorstellung ein, und die Grösse in 
welcher man sich das Gesehene vorstellt, hängt selbst von indi¬ 
viduellen Erfahruncen ab. Daher ist die Amrabe der Einzelnen 
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so sehr verschieden, wie gross sie die, in dem vorerwähnten Ver¬ 
such von Purkinje sichtbaren Adern der Nervenhaut sehen und 
wie weit vor dem Auge diese Figuren zu schweben scheinen. 
Der Gesichtssinn verhält sich in dieser Weise ganz anders 
zu den äusseru Gegenständen als der Gefühlssinn. Für den letz¬ 
tem sind die Objecte unmittelbar gegenwärtig und das Mass lür 
die Grösse der äussern Objecte ist unsere Leiblichkeit, welche die 
Objecte berührt. Eine von der Hand berührte Tafel erscheint 
an der berührten Stelle so gross als Theile der Hand davon affi- 
cirt werden, denn ein Theil unseres Leibes den wir empfinden, 
ist hier das Mass. Die berührende Stelle der Hand macht näm¬ 
lich einen Theil aus von der empfindlichen ganzen Körperober¬ 
fläche, und die berührte Stelle der Tafel erscheint so gross, jals 
die berührende Stelle der Hand im Verhältnis? zu unserm ganzen 
Körper erscheint. Alle Unterscheidung unserer Körperlhede hängt 
aber wieder ab, von der Möglichkeit die von verschiedenen Kör- 
pertheilen kommenden Nervenfasern im Sensorium zu unterschei¬ 
den. Beim Gesichtssinn hingegen sind die Bilder der Gegenstände 
nur Bruchtheile der Gegenstände selbst, realisirt auf der sich gleich- 
bleibenden Netzhaut. Aber der Process des Vorstellens, welcher 
die Empfindungen des Sehens zergliedert, erhebt nach aussen wir¬ 
kend die Bilder der Gegenstände, mitsummt dem ganzen Sehfelde 
der Netzhaut in der Vorstellung zu ganz Varianten Grössen, w obei 
nur das relative Verhältnis der Bilder zum ganzen Sehfeld oder 
der aflicirten Netzhaultheilchen zur ganzen Netzhaut ungestört 
bleibt. 
Volkmann (Beiir. zur Physiol, d. Gesichtssinnes. Leipz. 1836.) 
macht die Bemerkung, dass die Netzhaut in keinem Falle ihre räum¬ 
liche Ausdehnung empfinde, und dass selbst der Gefühlssinn nicht 
die eigene Leiblichkeit zur Anschauung bringe. Er beruft sich auf 
die Beobachtungen von E. II. Weber, dass die Distanz zweier Puncto 
an verschiedenen Stellen der Haut sehr verschieden empfunden 
werde. Siehe oben BundI. 3. Buch. 3. Abschnitt. Volkmann stellt
        

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