Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Physiologie des Menschen für Vorlesungen. Zweiter Band
Person:
Müller, Johannes
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit17252/24/
20 IV. Buch. Von d. Bewegungen. I. Ahschn. Thier. Beweg, im Allg. 
den gewöhnlichen Holzfasern. Das Corticalsystem besteht wieder 
aus Holzfasern. Die Blätter der Sensitiva stehen auf einem lan¬ 
gen Blattstiel, an dessen Basis der genannte Wulst liegt; ähnliche, 
aher kleinere Wülste Befinden sich an der Insertion der Blätt¬ 
chen an dem obern Theiic des Blattstieles. Diese Wülste sind 
die Ursache, dass die Blättchen sich am Blattstiel bewegen, und 
dass hinwieder der Blattstiel seihst sich gegen den Stengel be¬ 
wegt. Der Wulst am Blattstiel enthält eine grosse Quantität von 
durchsichtigen kugeligen, von einander durch ansehnliche Zwischen¬ 
räume getrennten Zellen, deren Wände mit kleinen Kügelchen bedeckt 
sind. Von Salpetersäure werden die Zellen opak. Diese Zel¬ 
len gleichen darin den Zellen des Markes, aber sie sind rundlich 
und nicht wie jene sechseckig. Sie liegen, obgleich sie sich nicht 
berühren, in Reiben der Länge nach. Zwischen diesen runden 
Hellen liegt ein viel zarteres Zellgewebe, worin viele dunklere 
kleine Körperchen. Heisse Salpetersäure löst den Inhalt der 
kugeligen Zellen, gleichwie den Inhalt der Zellen des Markge¬ 
webes des Stengels, ln der Achse des Wulstes verlaufen die 
Gefässbündel, welche den Blattstiel mit dem Stengel in Verbin¬ 
dung setzen. Der Blattstiel selbst enthält äusserlich Holzfasern, 
sie bilden die Rinde; im Innern befindet sich articulirtes Zellge¬ 
webe mit Kügelchen und grosse Körperchen enthaltende Röhren. 
Im Centrum des Blattstieles liegen Tracheen. Berührt man die 
Sensitiva oder erschüttert sie, so legen sich die kleinen Blättchen 
paarweise zusammen, wodurch sie sieh ihrer gemeinschaftlichen 
Achse, derjenigen des Blattstieles, nähern. Der gemeinschaftliche 
Blattstiel hingegen bewegt sich durch seinen Wulst in entgegen¬ 
gesetzter Richtung nach abwärts gegen den Stengel. In der 
Ruhe erheben sich beide wieder in ihre natürliche Lage. Wenn 
sich der Blattstiel senkt, so bildet der im Zustande der Ruhe 
gerade längliche Wulst um die Basis des Blattstieles eine nach 
unten concave, nach oben convexe Krümmung. 
Als Dutuociiet das Cortical- oder Zellenparenchym eines Wul¬ 
stes weggenommen, ohne das centrale Gefässbündel zu verletzen, 
starb das Blatt davon nicht ab; nur blieben die Blättchen dessel¬ 
ben mehrere Tage unentfaltet. Der Blattstiel hatte seine Bewe¬ 
gungskraft verloren. Die letztere hat also nicht ihren Sitz in 
dem centralen Gefässbündel, sondern in dem Zellenparenchym 
des Wulstes. Als der untere Theil eines Wulstes abgetragen wor¬ 
den, blieb der Blattstiel immer in seiner zur Erde gesenkten 
Lage, und wenn der untere Theil eines andern Wulstes wegge¬ 
nommen wurde, war der Blattstiel nicht mehr fähig sich zu 
senken. Es schien daher durch diese mit gleichem Resultate 
öfter wiederholten Versuche bewiesen, dass die obere Schichte 
des Wulstes es ist, welche den Blattstiel nach abwärts drückt, 
und dass die untere Lage ihn aufwärts drückt. Diess wurde an 
abgeschnittenen Theilen des Wulstes selbst bestätigt. Die ab¬ 
geschnittenen Schichten blieben zwar unbefeuclitet gerade, wenn 
sie aber in Wasser gelegt wurden, bogen sie sich jedesmal, und 
zwar immer so, dass die innere Seite concav wurde. Diese Fä¬ 
higkeit hatten auch die seitlichen Schichten, und es war also
        

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