Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Physiologie des Menschen für Vorlesungen. Zweiter Band
Person:
Müller, Johannes
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit17252/208/
201 IV. Buch. Bewegung. III. Abschn. Von d. Stimme u. Sprache. 
(Mayo Outlines of physiology.) hat bereits diesen Umstand Lei an¬ 
deren Zungenpfeifen hervorgehoben und Bishopp legt -viel Werth 
auf die gegenseitige Accomodation der Luftsäulen vor und hin¬ 
ter den Stimmbändern im lebenden Zustande. Dieser Einfluss 
ist indess bei meinen Versuchen sehr gering gewesen und mir 
nur einigemal unter vielen Fällen vorgekommen, daher ich dieser 
Accomodation, auf meine Erfahrungen gestützt, am menschlichen 
Stimmorgan nicht den Einfluss zuschreiben kann, den ihr Bishopp 
zuschreibt. Im Gegentheil zeigt sich deutlich, dass man auf 
Verkürzung und Verlängerung der Luftröhre, auf Verlängerung 
and Verkürzung des Raumes vor den Stimmbändern durch 11er- 
absteigen und Heraufsteigen des Kehlkopfs bei der Veränderung 
der Töne beim Menschen sehr wenig rechnen kann. Man kann 
nur höchstens so viel annehmen, dass die Verlängerung des Rohrs 
vor den unteren Stimmbändern durch Herabsteigen des Kehl¬ 
kopfs und die Verkürzung durch Aufsteigen, im ersten Fall die 
Bildung der tiefen Töne ceteris paribus, die Bildung der höhe¬ 
ren Töne im zweiten Fall erleichtere, was wenigstens durch den 
Erfolg an lebenden Menschen bestätigt wird. 
XX VI. Die zum Theil membranöse Beschaffenheit der Luft¬ 
röhre als Windrohr wirkt nicht merklich modificirend auf den Ion 
der Stimmbänder, und die Luftröhre verhält sich zum Ansprechen so 
wie ein hölzernes Bohr von derselben Weite. In dieser Hinsicht 
verhalten sich die Zungenpfeifen mit membranösen Zungen und 
theilweise membranösem Windrohr ganz anders, wie die mem¬ 
branösen Labialpfeifen mit schwingender Luftsäule, bei welchen 
nach Savart’s Entdeckungen die Mitschwingung der membranö¬ 
sen Wände der Pfeife die Hauptschwingungen der Luftsäule be¬ 
deutend modificirt. Dieser Einfluss geht hier so weit, dass eine 
Labialpfeife aus dünner nasser Pappe den Ton um eine ganze 
Octave urn den einer gleich langen Labialpfeife von festen Wan¬ 
den erniedrigen kann. Froriep’s Not. .‘132. p. 21. Bei den sehr 
kurzen kubischen Pfeifen ist die Erniedrigung noch viel grösser 
und kann zwei ganze Octaverr betragen. Siehe oben p. 141. 
Ich setzte ein Windrohr zu 7-|- Zoll Länge aus 3 Zoll Luftröhre 
des Menschen und 4T} Zoll Holzröhre zusammen. Der Ton einer 
Kautschuckzunge durch diess Rohr angeblasen, war derselbe als 
bei einem gleich langen festen Windrohr. Auch die Dämpfung 
des membranösen Theils der Luftröhre mit der Hand hatte kei¬ 
nen irgend merklichen Einfluss. 
XXVII. Das doppelte Ansatzruhr am menschlichen Stimmorgan 
nämlich, Mundrohr und Nasenruhr scheint in Hinsicht der Höhe des 
Tons nicht anders als ein einfaches Ansalzrohr zu wirken, verändert 
aber den Klang des Tons durch die Resonanz. Ich habe diesen 
Einfluss an einem künstlichen Kehlkopf mit Kautschuckbandc zu 
bestimmen gesucht, der in ein kurzes Ansatzrohr endigte, an wel¬ 
ches eine gabelig getheilte Rühre angelegt werden konnte. Der 
Ton war in der Höhe derselbe als bei einfachem Ansatz von der¬ 
selben Länge, aber klangvoller. 
XX VIII. Die Deckung der obern Kehlkopf holde, durch Herab- 
drücken des Kehldeckels vertieft den Tun etwas und macht ihn zu-
        

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