Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Physiologie des Menschen für Vorlesungen. Zweiter Band
Person:
Müller, Johannes
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit17252/171/
1. Bedingungen der Töne. Membranöse Zungen. 
167 
Die Endöffnung des Ansatzrolirs hat auf den Ton der Zun¬ 
genpfeife mit membranöser Zunge Einfluss. Bei einem Ansatzrohr 
von 3 Zoll am Mundstück, konnte ich den Ton durch grösser 
werdende Bedeckung der Oeffnung um eine ganze Quinte herab¬ 
drücken. Beim Ansatz des Stücks von 6 Zoll fiel der Ton des 
Mundstücks hei der halben Bedeckung um einen halben Ton, 
durch Einbringen des Fingers von c bis f. In demselben Maass 
als der Ton sich erniedrigt, verliert er an Stärke. In manchen 
Fällen war der Erfolg des Einbringens des Fingers ein ganz ent¬ 
gegengesetzter; der Ton erhob sich nämlich etwas, so z. B. war 
der Ton der Zungenpfeife von 24 Zoll, deren Mundstück d gab, 
dis, durch Einbringen des Fingers konnte der Ton etwas geho¬ 
ben werden, und Aehnliches kam öfter vor. 
Die Ursache dieses letztem widersprechenden Verhaltens 
war mir lange unklar gehlieben, bis ich ihr näher auf die Spur 
kam. So lange der Ton durch Ansätze sich noch vertieft, wird 
er durch Bedeckungen der Endöffnung immer tiefer. Wenn 
aber die Verlängerung einen Punct erreicht, wo der Ton nahe 
ist am Sprung auf den hohen Ton zurück, dann kann die Bedek- 
kung den Ton etwas erheben und sogar den Sprung herbeifüh¬ 
ren. So z. B. fiel der Ton von 5 Zoll Ansatz bis 15 Zoll fort¬ 
während, nämlich von g zu d. Bei Längen der Ansätze zwischen 
5 und 15 Zoll bewirkte die Bedeckung der Endöffnung immer 
eine Vertiefung. Bei 21 Zoll Ansatz war der Ton auf dem Sprunge 
von dis auf g in die Höhe und bei dieser Länge des Rohrs konnte 
der Ton durch Bedeckung der Endöffnung auf e gebracht und 
der Sprung auf g leichter herbeigeführt werden. 
Befindet sich eine bedeutende Verengerung (Stopfen) am 
andern Theil des Ansatzrohrs, nämlich dicht vor der Zunçe, so 
wird der Ton meist höher, als durch das Ansprachsrohr ohne 
Verengerung. 
C. Einfluss des IVindruhrs auf den Tun der membranösen Zungen. 
Den Einfluss des Windrohrs auf die Höhe des Tons einer 
Zungenpfeife mit metallischer Zunge hat, wie es scheint, zuerst 
Grenié beobachtet. Muncke in Gehlers physik. IVorterb. VIII. 
376. Dieser Einfluss ist bisher noch nicht hinreichend erörtert 
worden. Ich finde dass das Windrohr, durch welches eine mem¬ 
branöse Zunge angeblasen wird, einen ebenso grossen Einfluss 
auf Vertiefung des Tons der Zunge als das Ansatzrohr bat. Die¬ 
ser Gegenstand ist auch wieder in Beziehung auf das Stimmor¬ 
gan von der grössten Wichtigkeit und muss hier ausführlich er¬ 
klärt werden. 
Im allgemeinen giebt es 5 Zustände, in welchen eine Zunge 
zum Tönen gebrächt wird. 1. Sie wird ohne Ansatzrohr und 
Windrohr und ohne Rahmen durch den freien Strom der Luft 
aus einem feinen Röhrchen angeblasen ; der Ton ist wie wir ge¬ 
sehen schon verschieden von dem, den sie in einem Rahmen ge¬ 
spannt giebt, wenn der Rahmen mit den Lippen umfasst und der 
Anspruch durch den Mund geschieht. 2. Die Zunge ist von
        

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