Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Physiologie des Menschen für Vorlesungen. Zweiter Band
Person:
Müller, Johannes
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit17252/149/
1. Bedingungen der Töne. Zungenwerke. 
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die Höhe des Tons eines Mundstücks ziemlich unabhängig von 
der Stärke des Luftstroms; die Stärke des Tons kann durch die 
Stärke des Anblasens vermehrt werden. Biot hatte schon gezeigt, 
dass die chemische Beschaffenheit der Gasart, welche zum An¬ 
blasen benutzt wird, keinen Einfluss auf die Höhe des Tons hat. 
Diess Verhalten der metallenen oder festen Zungen ist um so 
merkwürdiger, als, wie ich gefunden, die membranösen Zungen 
sich ganz anders verhalten, indem die Höhe des Tons sich bei die¬ 
sen um einige halbe Töne durch stärkeres Anblasen erheben lässt. 
Die Dimensionen des Schlitzes zwischen Zunge und Rahmen 
sind nach W. Weber von geringerer Wichtigkeit. Sind die Di¬ 
mensionen der Oelfnung etwas stärker, so spricht der Ton schwe¬ 
rer an, und kann schwerer verstärkt und geschwächt werden. 
Die Höhe des Tones aber bleibt sich gleich. 
Die von den Meisten angenommene Theorie der durch 
Zungen hervorgebrachten Töne ist folgende. Die Schwingun¬ 
gen der Zungen richten sich zwar, wie es scheint, ganz nach 
den Gesetzen, nach welchen die Stäbe schwingen und Töne geben ; 
aber zwischen den tönenden Stäben und tönenden Zungen findet 
der Unterschied statt, dass bei den ersteren der Stab, bei den 
letzteren die Luft das eigentlich Tönende ist. Und derselbe Un¬ 
terschied findet statt, wenn eine Zunge durch Anstoss oder durch 
Anblasen in Schwingung versetzt wird. Im erstem Fall nämlich 
ist es die Zunge allein, welche tönt, im zweiten wird zwar auch 
die Zunge tönen müssen, aber für die Hauptursache des eigen- 
thümlichen Tons halten Viele die Luft seihst und zwar aus fol¬ 
genden Gründen. 
Der Ton einer durch Anstoss in Schwingung versetzten Zunge 
ist schwach; der Ton der Zunge beim Anblasen stark; aber auch 
ein qualitativer Unterschied der Töne findet statt; der Klang der 
Zunge beim Anstossen ist ein ganz verschiedener vom Klang der 
Zunge, welchen sie beim Anblasen hervorbringt. Daraus schliesst 
man, dass die Luft, wenn sie auch bei verschiedener Weite 
des Schlitzes die Höhe des Tons nicht modificiren kann, doch 
einen wesentlichen Einfluss auf die Erzeugung der durch Zun¬ 
gen hervorgebrachten Töne haben muss, indem die Luft unter 
den Bedingungen, unter welchen Zungen beim Anblasen schwin¬ 
gen , regelmässig gestossen wird, ohne selbst Schwingungsknoten 
zu bilden. Man weiss, dass zur Erzeugung eines Tones nur eine 
gewisse Anzahl Stösse, pulsus, noting sind, welche auf das Gehör¬ 
organ fortgepflanzt werden, und dass auch die Schwingungen 
nur dadurch Töne hervorbringen, weil sie pulsus hervorbringen. 
Bei der Art, wie eine Zunge in ihrem Rahmen schwingt, müssen 
nun, sagt man, ähnliche pulsus, wie bei der Sirene entstehen ; in¬ 
dem die Luft bei jeder Schwingung der Zunge durch die Oeffnung 
einen Moment aufgehalten wird. Ganz unter denselben Bedin¬ 
gungen sehen wir durch schnell aufeinander folgende Unterbre¬ 
chungen des Stroms der Luft, bei der Sirene einen Ton entstehen. 
Die Höhe dieses Tons der Luft hängt von der Zahl der Unter¬ 
brechungen ah, und diese Zahl wird, da die Unterbrechungen 
von den Schwingungen des Zungenblättchens bewirkt werden, mit 
Willi er’s Physiologie. 2r Bl. I, J.0
        

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