Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Physiologie des Menschen für Vorlesungen. Erster Band, dritte verbesserte Auflage
Person:
Müller, Johannes
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit17251/843/
838 III. Buch. Neroenphysik. V. Abschn. Centraltheile d. Nervensrst. 
terstamme abgestossenen Keime erweist, so kann auch keine Ver¬ 
änderung des Baues des Gehirns das Wesen der Seele selbst ver¬ 
ändern, sondern ihre Thätigkeit nur zu kranken Actionen zwin¬ 
gen. Nur die Thätigkeit der Seele hängt von der Integrität des 
Faserbaues und der Mischung des Gehirnes ab. Die Art der 
Thätigkeit, und die Art des Baues und Gehirnzustandes laufen 
immer parallel; der letztere bestimmt immer die erstere, aber 
das Wesen der Seele, ihre latente Kraft, so weit sie sich nicht 
äussern muss, scheint durch keine Hirnveränderung bestimmbar. 
Hält man sich hieran, so sind alle weiteren Erörterungen über 
die letzte Ursache der Geisteskrankheiten, über den Antheil des 
Gehirns und der Seele an denselben abgeschnitten, und der Arzt 
hat hei allen abnormen Geisteszuständen immer und zuerst nur 
den Zustand der materiellen Veränderung, welche die Seele zu 
kranken Actionen zwingt, oder ihre Thätigkeit unterdrückt, im 
Auge zu behalten. Wir kennen aus Berichten zwei Fälle von 
angebornem Blödsinn mit einem so niedrigen Schädel, dass die 
Abbildungen an den Zustand des Schädels bei der Hemicephalie 
erinnern, obgleich das Cranium vollständig vorhanden ist. Es sind 
die zwei in der Colonie Kiwitsblott, eine Meile von Bromberg, leben¬ 
den Söhne der Wittwe Soh n, der eine von 17, der andere von 10 
Jahren. Beide sind hei dem besten Wohlseyn so stupid, dass sie 
sich des Weges nach Hause auch bei einer geringen Entfernung 
nicht erinnern, dass sie sich nicht ihre Beinkleider öffnen kön¬ 
nen, obgleich sie mit allen Bewegungskräften eines gesunden 
Menschen ausgerüstet sind, und auf alle Theile ihres Körpers 
den Einlluss des Willens besitzen, den sie, obgleich lenksam und 
ohne Bosheit, nur zum Essen und Trinken, und zum Zerstören von 
Allem, was ihnen in die Hände fällt, benutzen können. Auch in 
diesen denkwürdigen Fällen dürfen wir keine angeborne Krank¬ 
heit der Seele, keinen ursprünglichen Mangel des psychischen 
Principes voraussetzen; gewiss war die Anlage zu der höchsten 
Vollkommenheit in dem latenten Zustande des psychischen Prin¬ 
cipes im Keime verbanden; aber keine Entwickelung der Fähig¬ 
keiten der höheren Seelenäusserungen war hei der unvollkomme¬ 
nen Ausbildung des Gehirns möglich, gleich wie die bei dem 
gesunden Menschen eintretende plötzliche Veränderung des Hirn¬ 
zustandes augenblicklich auch die Aeusserungen der Seele krank¬ 
haft oder ihre Kraft sogar latent macht, die nach der Wegnahme 
des Druckes auf das Gehirn oft mit der ganzen Klarheit des 
Bewusstseyns wiederkehrt. Da die Materie durch die Thätigkeit 
immer zugleich verändert wird (siehe oben p. 52.), so versteht 
es sich von selbst, dass abnorm angestrengte Thätigkeit der Seele, 
und eine durch cingegangene Lebensverhältnisse bedingte ein¬ 
seitige Richtung der Geistesthätigkeit, oder die hervorgerufene 
Heftigkeit der Seelenzustände auch wieder auf die Organisation 
des Seelenorganes zurückwirken muss. Wie sehr auch die Ent¬ 
fernung dieser Ursachen in den Augen des Arztes wichtig ist; 
der Zustand der Organe bleibt hier wie überall das Object des¬ 
selben; und die Sündhaftigkeit, womit schwärmerische Aerzte 
sich so viel zu schaffen machen, ist nicht das Wesen der Gei-
        

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