Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Physiologie des Menschen für Vorlesungen. Erster Band, dritte verbesserte Auflage
Person:
Müller, Johannes
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit17251/711/
706 III. Buch. Nervenphysik. lII.Abschn. Mechanik d.Nereenprincips. 
ganze Bein schmerzt scheinbar, wenn der Nerve durchschnitten 
ist und der Amputationsstumpf sich entzündet. 
Ich rede nicht von den Träumen der Amputirten, von den 
lebhaften Empfindungen des ganzen scheinbaren Beins, wenn der 
Stumpf desselben durch die Lage gedrückt wird, da die Empfin¬ 
dung gewöhnlich bei den Amputirten durchs ganze Leben bleibt. 
Beispiele. 
1) N. N. eine Frau, welche eine Lähmung der Empfindung 
am Arme hatte, bekam einen Bruch des kranken Arms, der dar¬ 
auf in Brand überging und amputirt werden musste im Clin, 
chirurg. zu Bonn. Die Amputation war ohne Empfindung. Al¬ 
lein die Durchschneidung des Nerven musste die Ursache gewe¬ 
sen seyn, dass das Gefühl in dem Nervenstamme wieder erregt 
wurde. Schon in der Nacht klagte die Frau über Schmerzen in 
den Fingern. 
2) Joh. Wolff, ein Schneidergeselle in Bonn, ist vor 12 Jah¬ 
rein am ersten Drittheil des Oberschenkels wegen Caries im Clin, 
chirurg. amputirt worden. Er hatte sogleich noch das Gefühl, 
als wäre das Bein vorhanden, und klagte die folgenden Tage sehr 
über Schmerzen im Beine bis in die Zehen. In denselben Ta¬ 
gen wurde ein Anderer am Arm amputirt, der auch darauf über 
Schmerzen in der Hand und am ganzen Arme klagte. Diesen 
Joh. Wolff habe ich nach 12 Jahren untersucht. Er hat immer 
noch das Gefühl, als wären die Zehen und die Fussohle vorhan¬ 
den, und zuweilen heftige Schmerzen in der Fusssohle, die er 
nicht mehr hat. Zuweilen schläft der Stumpf beim Liegen ein, 
und es tritt dann Formicatio in den Zehen ein, die auch sonst 
öfter vorhanden ist. Ich legte an den Amputationsstumpf des 
Oberschenkels ein Tourniquet an, so dass der Stumpf des N. 
ischiadicus gedrückt wurde: sogleich sagte Wolff, dass ihm das 
Bein wie einschlafe, und er konnte ganz deutlich die Formica¬ 
tio in den Zehen unterscheiden. 
3) N. N., Stud, chirurg., ein Jude, wurde wegen eines Gelenk¬ 
übels am Ellbogen im Oberarme amputirt. Er hatte, so lange er 
beobachtet wurde, nicht die Empfindung des verlornen Armes 
verloren. 
4) Herr Stud. Schmidts aus Aachen ist seit 13 Jahren am 
Oberarm amputirt; die Empfindungen in den Fingern haben nie 
aufgehört. Herr Schmidts glaubt die Hand immer in einer ge¬ 
krümmten Stellung zu fühlen. Das scheinbare Prickeln der Fin¬ 
ger ist vorhanden, vorzüglich wenn der Stumpf aufliegt und die 
Stämme der Armnerven gedrückt werden. Ich legte einen Druck 
gegen die Nervenstärnme des Amputationsstumpfes an, sogleich 
trat die Empfindung von Einschlafen scheinbar im ganzen Arme 
bis in die Finger ein. 
5) N. N., mein Commissionär zur Zeit meines Aufenhalts in 
Leyden, ist vor 12 Jahren am Oberarm amputirt worden. Er 
hat zuweilen Gefühle von Formicatio, wie in den Fingern, be¬ 
sonders wenn der Arm aufliegt. 
6) Vir quidam in nosocornio judaico berolinensi, eui pes si-
        

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