Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Physiologie des Menschen für Vorlesungen. Erster Band, dritte verbesserte Auflage
Person:
Müller, Johannes
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit17251/693/
688 III. Buch. Nervenphysik. III. Abschn. Mechanik d. Nervenprincips. 
mehrere Empfindungen zu gleicher Zeit stattfinden, entweder nur ei¬ 
ner oder abwechselnd verschiedenen die Aufmerksamkeit zuwendet. 
Wenn daher zu gleicher Zeit etwas gehört und mit dem Gesicht 
observirt werden soll, so ist es unvermeidlich, dass nicht zuerst 
gehört und dann gesehen wird. DerZeitunterschied zwischen 
zweierlei bewussten Empfindungen ist aber bei verschiedenen 
Menschen verschieden, wie denn Manche viel zu gleicher Zeit 
empfinden und merken, Andere aber hierzu eine merkliche Zeit 
nöthig haben. 
Die Zeit, in welcher eine Empfindung von den ausseren 
Theilen auf Gehirn und Rückenmark, und die Rückwirkung auf 
die äusseren Theile durch Zuckungen erfolgt, ist auch unendlich 
klein und unmessbar. Wenn man Frösche mit Opium oder Nux 
vomica vergiftet, so werden sie zuerst so ungeheuer sensibel, 
dass die geringste Reriihrung der Haut eine Zuckung am ganzen 
Rumpfe erregt. Hier erfolgt die Wirkung von der Haut zuerst 
auf das Rückenmark, und vom Rückenmark auf alle Muskeln. 
Dennoch ist es mir unmöglich gewesen, den geringsten Zeitunter¬ 
schied zwischen der Rerührung und den Zuckungen zu bemerken. 
1. Capitel. Mechanik der motorischen Nerven. 
I. Von den Gesetzen der Leitung des N erv enp rin cip s in den 
Bewegungsnerven. 
I. Die motorische Kraft wirkt in den Nerven nur in der Rich¬ 
tung der zu den Muskeln hingehenden Primitivjasern, oder in der 
Richtung der Verzweigung des Nerven und niemals rückwärts. Es 
ist eine allgemein bekannte Erfahrung, dass, wenn man einen 
Muskelnerven reizt, die Zuckung in keinem andern Muskel ein- 
tritt, als in welchem sich der Nerve verzweigt. Pieizt man einen 
Nervenstamm caustisch, mechanisch, elektrisch oder durch unmit¬ 
telbare Anwendung beider galvanischen Pole auf den Nerven, so 
zucken die Muskeln aller Nervenzweige des gereizten Stammes, 
und niemals ein anderer Muskel. Man kann daher auch niemals 
durch unmittelbare oaustische, mechanische oder galvanische Rei¬ 
zung eines Nerven durch beide Pole Zuckungen in Muskeln er¬ 
regen, welche von Nervenzweigen abhängig sind, die über 
der gereizten Stelle vom Stamme abgehen. Nie erfolgt eine 
Spur einer Zuckung in den Muskeln des Oberschenkels, wenn 
man den untern Theil des ischiadicus reizt, wo er die Aeste 
für die Oberschenkel schon abgegeben hat. Es ist daher eine 
sichere Thatsache, dass die motorische Kraft der Nerven nur in der 
Richtung der Nervenzweige, niemals rückwärts wirkt. Man kann 
zwar auch Zuckungen in allen Muskeln erregen, die in dem gal¬ 
vanischen Strome, oder deren Nerven in dem galvanischen Strome 
liegen, wenn man den einen galvanischen Pol auf den Nerven 
am untern Theile des Körpers, den andern Pol auf Muskeln der 
obern Theile applicirt, und dann zucken auch die Muskeln der 
obern Theile; allein diese Anwendungsart des Galvanismus ist,
        

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