Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Physiologie des Menschen für Vorlesungen. Erster Band, dritte verbesserte Auflage
Person:
Müller, Johannes
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit17251/486/
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1. Von der Verdauung im Allgemeinen. Hunger. 
gleichwie die Empfindungen, welche Speisen in der Appetitlosig¬ 
keit erregen. Die Empfindung des Appetits wird erhöht im Win¬ 
ter und Frühling, durch kalte Bäder, durch Friction der Haut, 
des Unterleibes und dessen Erschütterung heim Reiten, so wie 
durch Anstrengung. 
Die Verdauung erregt hei Gesunden ein wohlthätiges Ge- 
meingefübl mit Wärmeempfindung verbunden; diese Gefühle er¬ 
strecken sich aber nicht bloss auf die Verdauungsorgane allein, 
deren Hauptsensationsnerve der Nervus vagus ist, sondern auch 
aut fast alle übrigen Theile: daher es wahrscheinlich ist, dass die 
Erregung der sympathischen Nerven, die, wie später bewiesen 
wird, eine grosse Communicationsfähigkeit ihrer Zustände haben, 
hieran Antlieil habe. 
Mangel der Verdauungskraft ist ein Zustand der Verdanungs- 
organe, wo sie theils nicht die zur Auflösung bestimmten Flüssig¬ 
keiten absondern, theils in einem Zustande von Reizbarkeit oder 
Atonie sind und durch die Nahrungsstofle mehr mechanisch zu 
unangenehmen Empfindungen und unangemessenen Bewegungen 
allicirt werden. Die örtlichen unangenehmen Empfindungen der 
Verdauungswege scheinen vorzugsweise in dem Nerv, vagus ihren 
Sitz zu haben, dessen stärkere Reizungen wenigstens schon in 
der Speiseröhre und im Schlunde dieselben Empfindungen von 
Ekel, wie die Reizung des Magens selbst, welche dem Erbrechen 
vorhergeht, bewirken. Allein die Veränderung in der Stimmung 
des gesammten Nervensystems ist in diesen Fällen eben so auf- 
lallend und scheint auch hier von dem Nervus sympathicus ab¬ 
hängig zu seyn. 
Bei den Phänomenen des Hungers und Durstes sind beiderlei, 
örtliche und allgemeine, Empfindungen vorhanden, allein die wei¬ 
teren Erscheinungen werden später noch unmittelbar aus dem 
absoluten Mangel an Nabrungsstofl'en und Wasser abhängig. 
Die ersten Phänomene des Durstes sind Trockenheit der 
Wege, welche am meisten verdünnsten (der Luftwege), später 
Fieber, Entzündung der Luftwege. 
W as man indessen Durst nennt, ist zuweilen mehr ein Be- 
dürfniss nach Abkühlung durch kühle Getränke, wie hei dem, 
in Fiebern durch vermehrte Wärme und durch verminderten 
Turgor bewirkten, trocknen, heissen Zustande der Luftwege, des 
Mundes und der Haut. Die Ausdünstung ist hier oft eher ver¬ 
mindert und die Trockenheit entsteht dadurch, dass, wenngleich 
Blut in die Capillargefässe fliesst, die Wechselwirkung zwischen 
Blut und den von der organisirenden Kraft belebten Theilen, was 
man Turgor viialis nennt, vermindert ist. Ohne dass die Wärme- 
production in den inneren Theilen vermehrt zu sevn braucht, 
erscheint die Haut heisser, weil die Ausdünstung fehlt und die 
mit dem Uebcrgang der tropfbaren Flüssigkeit in den gasförmi¬ 
gen Zustand verbundene Abkühlung wegfällt. 
D>e letzten Folgen des unbefriedigten Durstes sind : ein fieber¬ 
hafter Zustand, der von dem eines nervösen Fiebers nicht verschie¬ 
den scheint und mit Entzündung der Luftwege verbunden ist. 
Die örtlichen Empfindungen des Hungers, welche sich auf
        

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