Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Physiologie des Menschen für Vorlesungen. Erster Band, dritte verbesserte Auflage
Person:
Müller, Johannes
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit17251/440/
2. Vom innern Bau <1. Drüsen. Malpighis u. Ruysch’s Ansichten. 435 
Extravasation die Blutgefässe, wenn die feineren Zweige der 
Ausführungsgänge nicht angefüllt sind. Dergleichen Uebergänge 
sehen sich daher ganz wie das Anstreten feiner Injectionsmassen 
aus Schleimhäuten an, in welchen es doch erwiesener Maassen 
keine offenen Enden der Blutgefässe, sondern nur Capillargefäss- 
netze giebt. Dasselbe gilt von den Blutungen, welche durch 
Extravasation erfolgen und die überdiess in den Drüsen ganz 
ausserordentlich selten sind. Am auffallendsten schien der Ue- 
bergang feiner Injectionen aus den Nierenarterien in die Bellini— 
sehen Harnkanälchen; ja es wurden sogar die aus den Arterien 
injicirten gestreckten Gefässe der Marksubstanz der Nieren bei 
dem Vortrag der Anatomie zur Demonstration der Bellini’schen 
Böhren benutzt. Die genauere Untersuchung solcher Injectionen 
durch Huschke und mich hat indessen diesen Irrthum aufgedeckt 
und gezeigt, dass diese sogenannten Bellini’schen Röhren gar 
nicht die wahren Bellini’schen Böhren, vielmehr nichts an¬ 
ders als langgestreckte, zwischen den bellini’schen Röhren ver¬ 
laufende Arterien sind, welche gegen die Papille der Nieren hin, 
statt sich zu öffnen, wie die Bellini’schen Röhren, vielmehr feiner 
werden und Capillargefässnetze um die Oeffnung der Harnka¬ 
nälchen bilden. 
Die Controverse über den Bau der Drüsen konnte auf den 
bisherigen Wegen, welche meist in Injectionen der Blutgefässe 
bestanden, nicht entschieden werden. Hierzu gehörten glückliche 
Injectionen der Absonderungskanälchen selbst von ihren Ausfüh¬ 
rungsgängen und eine durch alle Drüsen durchgeführte Unter¬ 
suchung der Drüsen, über den feinsten Bau und die Wurzeln 
dieser Kanälchen. Die erste genauere Untersuchung dieser Art 
war von Ferrein über den Bau der Drüsen {Mein, de l’Acad. 
royale des Sc. de Paris 1749), welcher die gewundenen Harnkanäl¬ 
chen der Bindensubstanz als die eigentliche Quelle der Harnab- 
Sonderung entdeckte, wovon weder Malpighi noch Ruysch eine 
Ahnung gehabt haben. Die Entdeckung dieser Kanäle, deren 
Anhäufung und Feinheit erst den Schein von festem Parenchym 
hervorbringt, liess eine grosse Aehnlichkeit zwischen diesen Ka¬ 
nälen der Rindensubslanz der Nieren und den Samenknälchen 
einsehen, die sich von ihnen nur unterscheiden, dass sie mit blos¬ 
sen Augen sichtbar sind, die Samenkanälchen aber mussten im¬ 
mer für die Lehre von dem Bau der Drüsen von grosser Wich¬ 
tigkeit seyn, weil sie uns eine entschiedene Selbstständigkeit der 
absondernden Kanäle zeigen, auf deren Wänden sich bloss die 
feinsten Blutgefässe verzweigen und in Capillargefässübergängen 
von den Arterien in die Venen übergehen. Schumlansicy {de 
structura renum. Argentorat. 1788) hat diese Untersuchungen ver¬ 
vollkommnet; indessen hat er doch einen bedeutenden Irrthum in 
die feinere Anatomie der Nieren gebracht, dadurch, dass er die 
noch mit blossen Augen sichtbaren Malpighi’schen Körperchen 
in der Rindensubslanz der Nieren für die Quelle der Harn¬ 
absonderung hielt, und den Anfang der gewundenen, überall 
gleichförmig dicken und unverzweigten Rindenkanälchen der Nie¬ 
ren in diese Malpighi’schen Körperchen sctzlc und in seiner
        

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