Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Physiologie des Menschen für Vorlesungen. Erster Band, dritte verbesserte Auflage
Person:
Müller, Johannes
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit17251/40/
Prolegomena. 2. Organismus. 
U 
die Lebenskraft wirkt nur in dem neuen Sprossen fort, der auf 
der einen Seite ebenfalls sieb wieder verlängert, um auf der an¬ 
dern Seite immer wieder abzusterben. Was liier in einem Zu¬ 
sammenhänge geschieht, nämlich das Absterben auf einer Seite 
und die Bildung eines neuen fortlebenden Körpers auf der an¬ 
dern, das geschieht abgebrochen beim Menschen und den voll¬ 
kommenen Thieren. Das Kind löst sich als neuer fortdauernder 
Körper von der Mutter früher ab, als diese stirbt, und diese stirbt 
auf einmal, während die Speeles unsterblich scheint.“ AutenrieTh 
Physiol. 1. 112. Die Frage, warum die organischen Körper ver¬ 
geben, und warum die organische Kraft aus den producirenden 
Thcilcn in die jungen lebenden Produkte der organischen Körper 
übergeht und die alten producirenden Theile vergehen, ist eine 
der schwierigsten der ganzen allgemeinen Physiologie, und wir 
sind nicht iin Stande, das letzte Räthsel zu lösen, sondern nur 
den Zusammenhang der Erscheinungen darzustellen. Es würde 
ungenügend sein, hierauf zu antworten, dass die unorganischen 
Einwirkungen das Leben allmählig aufreiben; denn dann müsste 
die organische Kraft vom Anfang eines Wesens schon abzuneh¬ 
men anfangen. Es ist aber bekannt, dass die organische Kraft 
zur Zeit der Mannbarkeit noch in solcher Vollkommenheit be¬ 
steht, dass sie sieh in der Keimbildung multiplicirt. Es muss 
also eine ganz andere und tiefer liegende Ursache seyn, welche 
den Tod der Individuen bedingt, während sie die Fortpflanzung 
der organischen Kraft von einem Individuum zum andern und 
auf diesem Wege ihre Unvergänglichkeit sichert. Man könnte 
auch behaupten, dass die zunehmende Gebrechlichkeit der orga¬ 
nischen Körper im Alter durch die zunehmende Anhäufung ge¬ 
wisser zersetzter Stolle in ihnen entstehe, deren Wahlverwandt¬ 
schaft sich mit der Lebenskraft in Gleichgewicht setzte; allein 
auch dann müsste die organische Kraft von Anfang an abnehmen. 
So erklärt Dutrochet das Alter aus der zunehmenden Anhäufung 
von Sauerstoff im thierischen Körper. Allein dieser Anhäufung 
fehlt der Beweis. Wir sind hier bloss im Stande, den Zusam¬ 
menhang der Erscheinungen mit der Entwickelung darzustellen. 
Vergleicht man den Keim eines organischen Wesens mit seinem 
Zustand im höchsten Alter, so besteht das Ganze, welches nach 
Kamt die Existenz der einzelnen Theile bedingt, im höchsten Al¬ 
ter fast bloss in der Wechselwirkung der einzelnen Theile und 
ihrer Kräfte, ähnlich einem Mechanismus, der bloss durch die 
Wechselwirkung seiner Theile erhalten wird. In dem Keim da¬ 
gegen ist die Kraft, welche den Grund zur Production aller 
Theile enthält, noch unvertheilt vorhanden. Das organische 
Princip ist im Keim gleichsam im Zustande der grössten Concen¬ 
tration. Die Entwiekelungsfäbigkeit ist jetzt am grössten, die 
Entwickelung am geringsten. Hat nun jene Kraft eine Zeitlang 
gewirkt, ist der Organismus bis über die Jugend entwickelt, so 
haben wir nicht mehr ein Einfaches mit der unverlheilten Kraft 
des Ganzen vor Augen, sondern ein Mannigfaltiges mit vert heil¬ 
ten Kräften. Je mehr aber die Kraft des Ganzen vertheilt ist, 
je weniger noch unverwandte organische Kraft vorhanden, um
        

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