Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Physiologie des Menschen für Vorlesungen. Erster Band, dritte verbesserte Auflage
Person:
Müller, Johannes
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit17251/227/
222 I. Buch. Von den organ. Säften etc. II. Abschn. Vom Blutkreislauf. 
auf, und jedes Kügelchen haftet unbeweglich auf der Stelle, die es 
vorher einnahm. Wach Kielmeyer haben Trkviranus, Carus, Doel- 
linger und Oesterreicher dem Blute eine eigene Propulsionskraft, 
sich nach den Capiilargefässen hin, und von diesen ab zu bewe¬ 
gen, angenommen, eine Kraft, die nach dem Aufhören der Herz- 
thätigkeit noch und unabhängig von derselben im Lehen wirken 
soll. Ich habe mich schon in der Lehre vom Blute aus Gründen 
dagegen ausgesprochen. Au sieb kann das Blut eine gewisse Di¬ 
rection nicht haben, es müsste denn von der Substanz der Capil- 
largefasse angezogen werden, wie Baumgaertner und Koch anzu¬ 
nehmen scheinen. Würde nun wirklich das Blut von den Capil- 
largefässen und der lebenden Substanz angezogen, so kann es sich 
wohl darin anhäufen, aber man sieht nicht ein, wie eine solche 
Anziehung den Kreislauf unterstützen könnte, denn das Blut wird 
dadurch zum Aufenthalte in den Capiilargefässen bestimmt; oder 
man müsste wieder annehmen , dass das Blut nur so lange von 
der Substanz in den Capiilargefässen angezogen werde, als es aus 
den Arterien kommend noch bellroth ist, dass aber mit der Um¬ 
wandlung invenöses Blut diese gegenseitige Verwandtschaft von 
Blut und Substanz aufhöre. Dann allein könnte in den Capiilar¬ 
gefässen eine Hülfskraft des Kreislaufes liegen. Die Turgescenz 
gewisser Tbeile zu gewissen Zeiten beweist dagegen gar nichts 
für diese Hülfskraft, denn hier findet auch Anhäufung des Blu¬ 
tes statt. Ich komme wieder darauf zurück, was hei der Lehre 
vom Blute bemerkt worden, wo ich meine Versuche über die 
Dauer der Blulbewegung in abgeschnittenen Theilen, und ohne 
Solutio continui mit Mortification des Herzens durch Kali caustieum 
bei Fröschen erzählt habe. p. 151. Obgleich die bloss durch An¬ 
ziehung bedingte Saftbewegung der Pflanzen uns die Möglichkeit 
zu ähnlichen Phänomenen bei Thieren zeigt, so haben wir doch 
bis jetzt keine hinreichenden empirischen Gründe für dieselbe; ich 
habe schon bemerkt, dass ich die rhythmische Oscillation des Blu¬ 
tes bei stockendem Kreisläufe nicht für einen solchen Grund an¬ 
sehe, und die von scharfsinnigen Männern, Baumgaertner und 
Koch, beigebrachten Gründe nicht für hinreichende Beweise halte. 
Man kann die Frage von der Unterstützung des Kreislaufes 
durch Anziehung des Blutes nach den Capiilargefässen verneinen, 
und doch diese Anziehung allein, in Fällen, wo eine Anhäufung 
von Blut in gewissen gesunden Theilen, in denen sich ein thäti— 
geres Leben zeigt, zugeben, wie ich schon bemerkte. Diese Art 
der Anziehung bewirkt Anhäufung, nicht Unterstützung des Kreis¬ 
laufes. Bei den Pflanzen sind diese Phänomene ganz augenschein¬ 
lich ; dem Fruchtknoten, der das befruchtete Ei einschliesst, fliesst, 
wie Burdacii sagt, mehr Saft zu; ubi stimulus ibi affluuxs. Aebn- 
liche Phänomene giebt es auch bei Thieren. 
Alle diese Phänomene örtlicher, vom Herzen unabhängiger 
activer Säfteanhäufung, die nicht durch ein Hinderniss des Rück¬ 
flusses entsteht, hat man unter dem Namen Turgescenz, turgor 
vitalis zusammen gefasst. (Hebenstreit de turgore vit all. Lips. 
1795., welche Abhandlung indess wohl keine richtige Ansicht 
dieser Gegenstände enthält.)
        

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