Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Physiologie des Menschen für Vorlesungen. Erster Band, dritte verbesserte Auflage
Person:
Müller, Johannes
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit17251/210/
4. Von d. eimzeln. Theilen d. Gcjiisssyst. Arterien. Contractilitiit. 205 
achtung, und es ist unbegreiflich, wie Schriftsteller heut zu Tage 
ein solches Mährchen ohne Prüfung nacherzählen können. 
Der Ausfluss des Blutes aus einer an zwei Stellen unterbun¬ 
denen Arterie beim Anstich, ist auch nur eine Folge der elasti¬ 
schen Contraction der Arterien. Man hat endlich für die Musku- 
larcontractilität der Arterien und ihren vitalen Antheil an der 
Bewegung des Blutes angeführt, dass die Gangraena senilis vor¬ 
zugsweise hei Verknöcherungen in den Arterien stattfindet. Al¬ 
lein Wedemeyer bemerkt, dass die Gangraena senilis zuweilen 
ohne diese Verknöcherungen, und die Verknöcherungen ohne 
Gangraena senilis Vorkommen, so dass die Gangraena senilis noch 
andere Ursachen zu ihrer Entstehung erfordert, und das alte 
Falsum cum hoc, ergo propter hoc nichts erklärt. Siehe über 
Alles diess Wedemeyer 1. c. Wenn nun alle bisherigen Gründe 
für die Muskularcontractilität der Arterien auf nichts beruhen, 
so sind offenbare Gegenbeweise gegen die Contractilität derselben 
vorhanden. 
Berzelius bemerkt mit Recht, dass die stärksten galvanischen 
und elektrischen Reize keine Spur von Contraction an den Arte¬ 
rien erregen. Nysten (recherches de physiol, et palhol. chimiques. 
Paris 1811.) stellte öfter galvanische Versuche an der Aorta kurz 
vorher enthaupteter Verbrecher an, bemerkte aber keine Spur 
von Contraction. Derselbe entdeckte keine Spur von durch Gal¬ 
vanismus erregter Contraction an der Aorta abdominalis der Fische. 
Schon Bichat hatte ähnliche Resultate erhalten; dann hat Wede- 
meyer an vielen Thieren mit einer galvanischen Säule von 50 
Plattenpaaren an den Carotiden, und an der Aorte thoracica nie 
eine Spur von Muskularcontraction bemerkt; ich habe sehr oft 
den Galvanismus als Prüfungsmittel hierzu benutzt, und weder 
hei Fröschen mit geringen und starken galvanischen Reizen, noch 
hei Säugethieren, namentlich Kaninchen, mit einer Säule von 
CO—SO Plattenpaaren die geringste Spur von Contraction bewir¬ 
ken können. Man hat zwar bemerkt (Biciiat, Trevirahus), dass 
auch das Herz nicht empfänglich für den galvanischen Reiz sey, 
wovon Humboldt gerade das Gegentheil beobachtete. (Ueher die 
gereizte Muskel- und iSeroenJaser 1797, I. 310.) Allein Pfaff, J. 
Fr. Meckel, Wedemeyer haben auf entschiedene Art diese Em¬ 
pfänglichkeit am Herzen bemerkt, und ich seihst habe nicht al¬ 
lein an dem schon ruhenden Froschherzen mit einem einfachen 
Plattenpaar Zusammenziehung auf der Stelle erregt, sondern auch 
beim Hunde, dessen Herz schon zu schlagen aufgehört hatte, 
durch den Reiz einer Säule von 10 Plattenpaaren auf der Stelle 
die lebhafteste Contraction erregt. 
Der mechanische Reiz bewirkt so wenig als der galvanische 
Heiz Contractionen der Arterien. Dagegen ist es nicht zu läugnen, 
dass manche chemische Substanzen, z. B. Mineralsäuren, salzsaurer 
Halk, an den Arterien Zusammenziehungen bewirken; sie thun 
diess aber nur, indem sie eine chemische Veränderung in der Sub¬ 
stanz der Arterien hervorbringen, was oft davon abhängt, dass 
der Substanz ein Tlieil ihres Wassers entzogen wird. Weber’s 
Anat. 3. Diese Veränderungen beweisen nichts für die Muskulär-
        

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