Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Physiologie des Menschen für Vorlesungen. Erster Band, dritte verbesserte Auflage
Person:
Müller, Johannes
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit17251/208/
4. Von d. einzeln Theilen d. Gefiisssyst. Arterien. Contractilitiit. 203 
Blutes Jas Gleichgewicht halten, um so enger sind die Arterien 
und um so weniger Blut enthalten sie im Verhältniss zu den Ve¬ 
nen. Diese Folge tritt vor dem Tode ein, daher zum Theil die 
Blutleere der Arterien nach dem Tode; sie sind eigentlich gros- 
sentheils nicht ganz leer, sondern viele enthalten so viel Blut, als 
sie im verengtesten Zustande zu fassen vermögen. Bei einer Vi¬ 
visection kann eine unverletzte Arterie ihren Durchmesser all— 
niahlig verkleinern, wie Parry, Tiedemann und auch ich gesehen 
haben. Diess braucht man aber weder von dem Reize der Luft, 
noch überhaupt von der vitalen Contractilität der Arterien abzu- 
leiten, sondern es ist eine nothwendige Folge von der vermin¬ 
derten Kraft des Herzens. 
Die älteren Schriftsteller und mehrere neuere haben die nach 
der Ausdehnung der Arterien erfolgende elastische Zusammenzie¬ 
hung der Arterien fälschlich für einen Muskularakt, und die Fa¬ 
sern der Arterienhaut für Muskelfasern gehalten, wovon sie sich, 
wie Berzelius gezeigt hat, in jeder Hinsicht unterscheiden. Die 
Fähigkeit, sich nach der Ausdehnung zusammenzuziehen, behalten 
die Arterien noch lange nach dem Tode, Tage lang, und die 
stossweise in die Arterien gestorbener Thiere getriebenen Flüssig¬ 
keiten bieten dieselben Erscheinungen des Pulses und der darauf 
folgenden Zusammenziehung dar, wie im lebenden Körper. Man 
hat für die nicht existirende Muskularcontractilitat verschiedene 
Gründe aus der vergleichenden und pathologischen Anatomie bei¬ 
gebracht, welche gar nichts beweisen. Allerdings ziehen sich das 
gefässartige Herz der Insekten und die Hauptgefässstämme, nicht 
einmal alle Gefässstämme der Würmer, wie hei den Blutigeln, 
durch Muskularcontraction zusammen. Allein diess sind eben die 
Herzen jener Thiere, und es lässt sich zeigen, wie das Herz bei 
den niederen Thieren immer mehr die Form eines länglichen 
Schlauches annimmt, wie es denn hei dem Embryo in frühester 
Zeit nur ein erweiterter Theil des Gefässsystems ist. Das Herz 
ist daher in der Thierwelt überhaupt nur der mit Muskelsubstanz 
bekleidete und contractile Theil des Gefasssystems, der bald kurz, 
bald lang ist. Man hat auch für die Muskularcontractilitat der 
Arterien die kopflosen Missgeburten angeführt, hei denen das Herz 
fast regelmässig fehlt, und deren Cirkulationssystem aus zwei Ge- 
fässsystemen besteht, die an zwei verschiedenen Stellen, nämlich 
in der Placenta und in den Organen des Körpers, durch Capillar- 
gefässe Zusammenhängen; in manchen genauer bekannten Fällen, 
waren die Gefässe des Acephalen nur Aeste der Nabelgefässe eines 
zweiten vollständigen Embryo. Vergl. p. 197. Der Bulbus aortae 
der Fische und der nackten Amphibien zieht sich allerdings ganz 
deutlich zusammen, was Spallanzani, Wedemeyer und ich bei 
Fröschen und Salamandern gesehen, und ich habe auch selbst den 
Bulbus aortae der Frösche an der abgeschnittenen Aorta noch 
sich ganz vollkommen und so deutlich wie das Herz selbst zu¬ 
sammenziehen gesehen. Allein dieser Theil ist von der Aorta 
ganz verschieden, gehört zum Herzen und ist jenen Thieren, wel¬ 
che durchs ganze Lehen oder in der Jugend einen Kiemenkreis¬ 
lauf haben, eigenthümlich. Man sieht hier gerade ganz deutlich,
        

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