Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Erster Theil: Physiologie des allgemeinen Stoffwechsels und der Ernährung
Person:
Voit, Carl von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit16896/363/
Anorganische Nahrungsstoffe : Die Aschebestandtheile. 355 
des Salzhungers mit denen des Mangels anderer Nahrungsstoffe com- 
plizirt. 
Liebig1 glaubte, die Salze müssten stets zugleich mit den üb¬ 
rigen Nahrungsstoffen in den Darm gebracht werden, da die letzteren 
sonst nicht verdaulich wären, nicht resorbirt würden und nicht die 
Fähigkeit hätten, Blut und Organ zu bilden. Es war dies eine wei¬ 
tere Schlussfolgerung aus seiner Annahme, dass im Körper nur or¬ 
ganisâtes Eiweiss zerstört werde und das Eiweiss der Nahrung 
immer zuerst organisiren müsse, wtozu aber die Aschebestandtheile 
nothwendig sind. Die Nahrungsstoffe ohne die entsprechenden Salze 
schienen ihm daher für den Ernährungsprozess so gleichgültig wie 
Steine zu sein. Wenn dies richtig wäre, so würden die Salzhunger¬ 
versuche scheitern, weil die Thiere keinen Nahrungsstoff resorbiren 
und an allgemeiner Inanition zu Grunde gehen würden. Liebig hat 
aber übersehen, dass die bei der Zerstörung des Organisirten frei 
gewordenen Salze wieder zum neuen Aufbau dienen können und 
dass die Resorption und Verwerthnng von Nahrungsstoffen ohne Salze 
z. B. von reinem Blutfaserstoff, Leim, Fett, Zucker u. s. w. längst 
erwiesen ist2; ausserdem ist der Aufbau von Organisirtem wahr¬ 
scheinlich nur geringfügig, weil sich dasselbe im ausgewachsenen 
Körper nur in geringem Grade an der Zersetzung betheiligt und vor 
Allem das neu zugeführte gelöste Eiweiss umgesetzt wird. Es ist 
selbstverständlich kein Beweis für die Unverdaulichkeit der salzfreien 
Nahrungsstoffe, wenn die Thiere dieselben auf die Dauer nicht ver¬ 
zehren; es werden von den Thieren manche Nahrungsmittel, die sie 
ganz gut verdauen, nach einiger Zeit nicht mehr verzehrt, da sie 
ihnen nicht mehr schmecken. 
Bei den Versuchen Forster’s gingen Tauben bei salzarmer Nah¬ 
rung in 13—29 Tagen zu Grund; Hunde, welche mit heissem Wasser 
ausgelaugtes Fleischpulver mit 0.8 % Asche in der Trockensubstanz, 
unter Zusatz von Fett oder Kohlehydraten erhielten, befanden sich 
nach 26—36 Tagen so elend, dass sie bei Fortsetzung des Versuchs 
wohl in kurzer Frist umgekommen wären. 
1 Liebig, Chem. Briefe. Volksausgabe. S. 289. 1865. 
2 Magendie’s Hunde (S. 336) hatten sich nach anfänglicher Verweigerung 
gewöhnt über 2 Monate hindurch täglich 500—1000 Grm. ausgewaschenen Faser¬ 
stoff zu fressen, der doch gewiss nicht vollständig mit dem Koth wieder zum Vor¬ 
schein kam ; als dem Faserstoff Bouillon mit den Aschebestandtheilen des Flei¬ 
sches zugesetzt wurde, magerte das Thier ebenfalls ab und wäre bei Fortsetzung 
des Versuchs zu Grunde gegangen. Tiedemann und Gmelin (S. 336) erwähnen 
keine Verdauungsstörungen bei Fütterung einer Gans mit je 190 Grm. Faserstoff 
während 5 Tagen. Panum und Heiberg (S. 104) sahen bei Hunden nach Dar¬ 
reichung von reinem Kleber oder der reinen Eiweissstoffe des Blutes die Harn¬ 
stoffmenge im Harn entsprechend der Quantität der eiweissartigen Stoffe steigen. 
23*
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.