Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Erster Theil: Physiologie des allgemeinen Stoffwechsels und der Ernährung
Person:
Voit, Carl von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit16896/333/
Bedingungen der Stoffzerlegung an der Organisation. 
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Wärmewirkung und mit den chemischen Anziehungen der Atome 
und Atomgruppen unter einander, eine neue Gruppirung, also eine 
chemische Umsetzung hervor. Nägeli setzt ergänzend hinzu, dass 
die Contaktsubstanz nicht bloss durch Anziehung und Abstossung, 
sondern vorzüglich auch durch die Bewegungszustände ihrer Moleküle 
und Atome wirke. 
Die Sauerstoff entzieh ungs’theorie von Pasteur1 ist nur 
für die Eigenschaft der Hefezellen, Zucker in Alkohol und Kohlen¬ 
säure zu zerlegen, bestimmt. Nach ihr können die Hefezellen nicht 
nur freien Sauerstoff benützen, sondern dieses Gas auch anderen 
Verbindungen entziehen; bei Aufnahme von freiem Sauerstoff soll 
keine Gährung stattfinden, bei Mangel an freiem Sauerstoff aber soll 
derselbe dem Gährungsmaterial entzogen werden, wodurch letzteres 
in seinem molekularen Gleichgewicht gestört und zersetzt wird. 
Diese Theorie ist nach Nägeli unhaltbar, da der Zutritt von Sauer¬ 
stoff für die Gährung sogar günstig ist; auf die höheren thierischen 
Organismen, denen normal stets genügend Sauerstoff zu Gebote steht, 
ist sie überdiess nicht anwendbar. 
Nägeli'2 hat endlich eine molekular- physikalische Theorie 
der Gährung aufgestellt, die, wenn sie richtig ist, auch ein helles 
Licht auf die Ursache des Stoffumsatzes im Thierkörper wirft. An¬ 
knüpfend an die von Bunsen und Hüfner gegebene Erklärung der 
Wirkung der ungeformten Fermente ist nach ihm die Gährung die 
Uebertragung der in jedem Stoff vorhandenen Bewegungszustände 
der Moleküle, Atomgruppen und Atome der verschiedenen das lebende 
Protoplasma zusammensetzenden, chemisch unverändert bleibenden 
Verbindungen auf das Gährmaterial, wodurch das Gleichgewicht in 
dessen Molekülen gestört und dieselben zum Zerfall gebracht wer¬ 
den. Entsprechend der verschiedenen Organisation und Mischung 
des lebenden Protoplasmas finden am letzteren, im Gegensatz zu der 
Wirkung der einfachen ungeformten Fermente, verschiedene Gährun- 
gen statt. Eine Betheiligung der Wärme als eigentliche Ursache 
des Zerfalls ist nach Nägeles Vorstellung nicht gegeben; wenigstens 
sagt er: nur wenn die bestimmten Schwingungszustände des Gährungs- 
erregers auf das Gährmaterial einwirken, wird Kraft in der ent¬ 
sprechenden Weise übertragen und die entsprechende Zersetzung 
veranlasst; eine andere noch so grosse Kraft, die zur Verfügung 
steht, kann nicht die gleiche Arbeit leisten, und die grosse Menge 
von Spannkraft, welche bei der geistigen Gährung frei wird, besteht 
1 Pasteur, Arm. d. chim. et phys. (3) LVIII. p. 323, LXIY. p. 1. 1862. 
2 Nägeli, Abhandl. d. bayr. Acad. Math.-physik. Cl. XIII. (2) S. 76. 1879.
        

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