Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Erster Theil: Physiologie des allgemeinen Stoffwechsels und der Ernährung
Person:
Voit, Carl von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit16896/301/
Verhalten des aus dem Darmkanale resorbirten Eiweisses. 
293 
gewonnenen Thatsachen sprechen meiner Ansicht nach zu Gunsten 
der letzteren Möglichkeit.1 
Die auffallendste und bedeutungsvollste Thatsache ist die, dass 
die Eiweisszersetzung mit der Zufuhr eiweissartiger Stoffe zunimmt, 
wodurch sie unter Umständen mehr als 15 mal so gross wird wie 
die beim Hunger, obwohl im letzteren Falle viel mehr Eiweiss im 
Körper abgelagert ist als im ersteren mit der Nahrung aufgenommen 
wurde. 
Es muss also nach der obigen Darlegung das aus dem Darm- 
kanal neu zugeführte Eiweiss entweder den Zerfall des am Organi- 
sirten befindlichen Eiweisses in ganz ausserordentlicher Weise be¬ 
günstigen , damit es als Ersatz dafür eintreten kann, oder es muss 
im Wesentlichen in den Geweben selbst zerfallen und sie vor der 
Zerstörung bewahren. 
Valentin2 3, Hoppe-Seyler3 und Andere nahmen einen Unter¬ 
gang der organisirten Formen und die Bildung neuer aus dem zu¬ 
geführten Eiweiss an. Namentlich Hoppe-Seyler ist ein entschie¬ 
dener Vertreter dieser Anschauung: die Muskeln, die Drüsen u. s. w. 
sind nach ihm keine stabilen Apparate, welche eingeführte Nähr¬ 
stoffe verarbeiten, sondern Aggregate zelliger Elemente von nicht 
lange währender Existenz, die sich schnell verbrauchen, während 
neue Elemente an die Stelle der alten treten; die jungen entwicke¬ 
lungsfähigen Zellen sind nach seiner Anschauung allein der Aufnahme 
auch von nicht gelösten Nährstoffen fähig und ihre Vermehrung ist 
von der reichlicheren oder kärglicheren Ernährung des Organismus 
abhängig. Ich habe schon vorher die Gründe (S. 275) angegeben, 
aus denen diese Vorstellung nicht richtig sein kann, und hervorge¬ 
hoben, dass in diesem Falle bei reichlicher Eiweisszufuhr die Zer¬ 
störung und die Neubildung organisirter Gebilde ganz kolossale 
Dimensionen annehmen müsste. Man vermag sich auch durchaus 
keinen Grund zu denken, warum die Auflösung der organisirten 
Formen beim Hunger um so viel geringer sein sollte und nur der 
Zutritt von gelöstem Eiweiss aus dem Darm einen so enormen Un¬ 
tergang jener Gebilde bewirken soll; die Bedingungen für ein Ein- 
reissen von Organisirtem sind gewiss beim Hunger in nicht geringerem 
1 Joh. Müller hat zuerst an diese Möglichkeit gedacht, indem er sagte: 
,.Es wäre sehr wichtig zu wissen, ob der Harnstoff nur aus zersetztem, schon 
vorher ausgebildetem Thierstoffe entsteht und sich also auch bei hungernden 
Thieren erzeugt, oder ob er sich aus den Nahrungsstoffen als ein unbrauchbares 
Product des Verdauungsprocesses erzeugt.“ (Handb. d. Physiol. I. S. 569. 1835.) 
2 Valentin, Wagner’s Handwörterb. d. Physiol. I. S. 372. 1842. 
3 Hoppe-Seyler, Arch. f. d. ges. Physiol. VIL S. 399. 1873.
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.