Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Principien der mechanischen Naturauffassung. Einleitung zur heutigen Physiologie, ein Cyclus von zehn Vorlesungen: I. Programm der Vorlesungen
Person:
Czermak, Johann N.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit16316/4/
Die Principien der mechanischen Naturauffassung. 
IS« 
Seining des »Lebens« ist, überhaupt gar keine Leistungen oder Bezie¬ 
hungen und Interessen des Menschen geben kann, welche nicht in einem 
solidarischen Zusammenhänge mit dieser Wissenschaft — der Wissen¬ 
schaft vom Leben — stünden ; sowie dass kaum eine andere Wissen¬ 
schaft in gleich wirksamer Weise die wahre Aufklärung zu befördern 
im Stande ist, als eben die Physiologie. 
Die Physiologie entstand ursprünglich im Dienste der Mcdiein. 
Von allen Jenen, die sich denkend mit der Natur beschäftigten, fühlten 
die Aerzte als die Ersten das Bedürfnis», den Antheil der einzelnen, so 
mannigfachen Organe oder Werkzeuge des Körpers an den Lebenayer¬ 
richtungen genauer kennen zu lernen. Es war demnach die Physio¬ 
logie anfangs nur eine Art von räsonnirender Anatomie und wurde ein¬ 
fach als die Lehre von der Verrichtung oder Function der Körpertheile, 
als doctrina de usa partium definirt. Es sind Jahrhunderte vergangen, 
bevor sie sich aus einer untergeordneten medicinischen Hilfswissen¬ 
schaft zu dem Bange und der Bedeutung eines selbstständigen Zweiges 
der reinen Naturwissenschaft emporzuarbeiten suchte, indem sie sich 
die ganz allgemeine und zwiefache Aufgabe stellte, nicht nur die 
Lebensvorgänge und Kraftäusserungen der Organe zu ermitteln und 
festzustellen, sondern dieselben auch nicht länger als Manifestationen 
einer, den allgemeinen Gesetzen der leblosen Welt entrückten, mysti¬ 
schen »Lebenskraft« zu betrachten, vielmehr auch sic aus der chemisch¬ 
physikalischen Beschaffenheit der organischen Formelemente, aus denen 
die Pflanzen und Thierkörper bestehen, und aus den natürlichen Bezie¬ 
hungen, welche sie zur Aussenwelt haben, mit Nothwendigkeit herzu¬ 
leiten, d. h. zu erklären. Erst diese neueste Richtung der physiolo¬ 
gischen Forsehung berechtigt zur Hoffnung, dass die Physiologie der¬ 
einst zu einer wahren Physik und Chemie der Organismen, d. h. zu 
exacter Naturwissenschaft oder Mechanik werden wird. So weit wir 
auch noch von diesem idealen Zustande der Entwicklung unserer Wis¬ 
senschaft entfernt sein mögen, so wenig Sicherheit und Gewissheit wir 
auch besitzen, dass derselbe jemals ganz erreichbar sein werde: so viel 
steht heute schon hinsichtlich der anatomischen Gebilde fest, dass die¬ 
selben, sowie sie aus dem Stoff- und Kraftvorrath unseres Planeten 
hervorgegangen sind, auch nur aus diesem kosmischen Vorrath das¬ 
jenige an Stoff und Kraft schöpfen können, was sie im Kampfe um’s 
Dasein zu ihrem Fortbestehen und zu ihren lebendigen Kraftäusserun¬ 
gen benüthigen. So bilden denn die Entdeckungen und Anschauungen 
der exacten Naturwissenschaft, die das Gebiet des Gesetzlosen und Un¬ 
begreiflichen dadurch beschränken, dass sie unsere Begriffe vom Um¬ 
fang des Gesetzes erweitern und den Zusammenhang von Erscheinungen
        

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