Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Ueber Schopenhauer's Theorie der Farbe: Ein Beitrag zur Geschichte der Farbenlehre
Person:
Czermak, Johann N.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit16209/4/
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Ueber Schopenhauer’s Theorie der Farbe. 
so höchst complicirten Experimente, mit Inbegriff der sogenannten 
Liehtpolarisation und Interferenz, vomähme und den wahren Zusam¬ 
menhang aller dieser Erscheinungen herauszufinden suchte.« Eine 
Stelle, wie diese, genügt doch wohl ?! ! — 
Solche Stellen bodenlosesten physikalischen Unsinns sind aber, 
wie gesagt, überaus häufig in Schopenhauer’s Schrift; — der leidige 
Zufall hatte also offenbar ein sehr leichtes Spiel, um zu bewirken, dass 
dieselbe gerade von den wissenschaftlich eompetentesten Männern, 
selbst wenn sie sich eingehend mit der Beurtheilung 
resp. Verurtheilung der Goethes che n Farbenlehre be¬ 
schäftigten, ungelesen und ungewürdigt bleiben konnte. 
Dies hätte Herr Frauenstädt erwägen und bedenken sollen, 
statt dem Verdacht Kaum zu geben, die, Schopenhauer ignorirenden 
Naturforscher seien von persönlichen Motiven geleitet, welche 
wissenschaftlichen Charakteren fern liegen müssten , als er et¬ 
was ungestüm für seinen Meister in die Schranken trat, um auch auf 
diesem Gebiete jene Anerkennung für ihn zu erlangen, welche ihm 
auf anderen Gebieten endlich — wenn auch zu spät, — geworden ist, 
und welche er in der That auch hier, trotz alledem und alle¬ 
dem wirklich verdient. 
Doch möchte ich, um Missverständnissen vorzubeugen, sogleich 
die Bemerkung hinzufügen, dass alle diese späte Anerkennung dessen, 
was Schopenhauer Grosses und Wahres speciell in Bezug auf die 
sinnliche Erkenntniss-Theorie, sowie auf die physiologische Theorie 
der Farbe producirte und in seinen Werken bereits vor mehr als einem 
Menschenalter drucken liess, etwas Missliches hat. 
Man wünscht und erreicht zwar damit, der Persönlichkeit dieses 
gewaltigsten Denkers seit Kant allseitig gerecht zu werden, 
allein diese späte Gerechtigkeit gegen seine Person, würde sofort 
zur historischen Ungerechtigkeit gegen den wirklichen Entwicke- 
lungsgang der empirischen Wissenschaft, wenn man die moderne Phy¬ 
siologie der Sinne desshalb eines Plagiats an Schopenhauer 
verdächtigen und beschuldigen wollte, weil ihre Theorie des gegen¬ 
ständlichen Seitens und der Farbe mit den Anschauungen jenes iso- 
lirten Weltweisen wunderbar übereinstimmt. 
Diese Uebereinstimmung kann höchstens für die Wahrheit und 
Dichtigkeit der gewonnenen Anschauungen sprechen, insofern diese 
eben auf zwei ganz verschiedenen und von einander unabhängigen, 
ja entgegengesetzten Wegen gewonnen wurden. Denn, uni es aus¬ 
drücklich zu sagen, die mühsame empirische Forschung hat der phi¬ 
losophischen Speculation nichts entlehnt, sie hat vielmehr selbst-
        

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