Bauhaus-Universität Weimar

Ideen zu einer Lehre vom Zeitsinn. 
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Zur Ausführung solcher Versuche wäre nur die Herstellung eines 
einfachen Instrumentes nothwendig, durch welches man mit bekannter 
beliebig veränderlicher Geschwindigkeit eine Reihe von Eindrücken 
auf die Empfindungsorgane hervorbringen könnte. 
Dass sich auf diese Weise in verschiedenen Organen in der That 
verschiedene Grenzen und Abstufungen der Feinheit des Wahrneh¬ 
mungsvermögens für Zeitintervalle werden nachweisen lassen, unterliegt 
wohl kaum einem Zweifel, denn erstens hat diese Vermuthung die 
Analogie der überraschenden Verhältnisse des Raumsinnes für sich, 
und zweitens lehrt die Erfahrung, dass die Schnelligkeit der Succes¬ 
sion von Impulsen bestimmte Maxima nicht überschreiten darf, wenn 
die einzelnen Eindrücke noch zeitlich unterschieden werden, und nicht 
verschmelzend, in eine einzige Empfindung von anderer, oft specifisch 
verschiedener Qualität Umschlägen sollen. Ich erinnere an die Versuche 
Valentin’s über die Dauer der Nachwirkung von Tasteindrücken, an 
die SAVART Schen Zahnräder zur Hervorbringung von Tönen u. s. w.1}. 
Die »Nachwirkungen«, welche bei dieser Auffassung in einem 
neuen Lichte erscheinen, spielen unter den physiologischen Bedingun¬ 
gen des Zeitsinnes eine ähnliche Rolle, wie, unter jenen des Raum¬ 
sinnes, die sogenannten physikalischen Zerstreuungskreise an den 
Bildern auf Netzhaut und Haut2). 
Wie sich jedoch nicht alle Abstufungen der Feinheit des Raum¬ 
sinnes aus den physikalischen Zerstreuungskreisen erklären lassen, 
ebenso wenig dürften auch die muthmaasslichen Verschiedenheiten der 
Feinheitsgrade des Zeitsinnes einfach nur auf die »Nachwirkungen« 
zurttckzuführen sein. 
In dieser Beziehung wäre es von besonderer Wichtigkeit zu er¬ 
mitteln, ob nicht etwa dasselbe objective Zeitintervall, durch verschie¬ 
dene Organe zur Wahrnehmung gebracht, verschieden lang erscheine, 
und wie gross die Differenzen objectiver Zeitintervalle sein müssen, 
wenn diese letzteren als verschieden erkannt werden sollen, wobei die 
absoluten und relativen Grössen dieser Differenzen zu berücksichtigen3), 
und die einzelnen Organe hinsichtlich ihres Auffassungsvermögens für 
dieselben objectiven Verhältnisse zu vergleichen wären. 
3. Die Unterscheidung der Länge der Zeitintervalle führt uns auf 
den allgemeinen Begriff der Geschwindigkeit und auf den speciellen 
1 Dass derZeitsinn verschiedene Feinheitsgrade besitzen kann, beweist schon 
die verschiedene Befähigung der einzelnen Individuen hinsichtlich des Takt¬ 
haltens in der Musik. 
2 Czermak a. a. 0., S. 191. — Weber, Müller s Archiv, 1835, S. 156. 
3 Weber. Müller’s Archiv, 1835, S. 158. 
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