Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Eine Modification des Scheiner'schen Versuches (sammt Zusatz)
Person:
Czermak, Johann N.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit16170/5/
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Eine Modification des Scheinor sclien Versuches. 
» Wenn sich mm gleich in der physikalischen Theorie der l|arhen\ 
durchaus kein Anhaltspunkt findet, um die Coinplementärfarben an 
und für sielt als Gegensätze zu betrachten, so ist cs doch auf der an¬ 
deren Weite unzweifelhaft, dass sie für die subjective Anschauung 
Gegensätze bilden, indem sic sich neben oder nach einander empfun¬ 
den verstärken; wenn aber ihre Eindrücke im Wcnsorium einander 
decken, sieh gegenseitig zerstören, und cs lässt sicli leicht die Mecha¬ 
nik aufdecken, durch welche uns eine Farbe so afficiren kann, dass 
wir ihren Gegensatz, ihr Complement zu sehen glauben, wenn dasselbe 
weder objectiv, noch als Erregungszustand in den peripherischen 
Thcilcn unserer Bchnervcn-Elemcnte existirt. Wenn wir angeben, 
dass überhaupt irgend eine Farbe vorhanden sei, so sagen wir damit, 
dass die Eichtwcllcnsystcmc verschiedener Wchwingungsdauer nicht 
in solchen Amplituden mit einander combinirt sind, dass sie sich unter 
einander zu Weiss oder Grau ncutralisircn. Unser ganzes llrthcil filter 
Farben muss also wesentlich von der Vorstellung abhängen, welche 
wir vom neutralen Grau oder, wenn cs sicli um höhere Lichtintensi- 
täten handelt vom reinen Weiss haben. Wenn das Gcdächtniss in 
unseren Winnen ein absolutes und mithin die Vorstellung vom Weiss 
in uns eine unwandelbare wäre, so würden wir auch immer richtig 
über die Farben urtheilcn, d. h. wir würden Grün für grün, Roth für 
rotli etc. erklären. Dem ist aber nicht so ; vermöge der Unvollkommen¬ 
heit unseres sinnlichen Gedächtnisses nennen wir zu verschiedenen 
Zeiten Dinge weiss, welche sich neben einander als höchst verschieden¬ 
farbig erweisen. Wären wir nun disponirt, ein Licht weiss zu nennen, 
welches z. 11. einen Ucbcrschuss an Grün enthält, so würden wir zu 
derselben Zeit das reine Weiss für rotli erklären, und wiederum ein 
andermal könnten wir dieses selbe reine Weiss für grün erklären, 
wenn wir disponirt wären, ein Licht mit einem Ueberschussc an rotlicn 
»Strahlen für weiss zu halten. 
»Es ist nun hinreichend bekannt, dass wenn wir plötzlich eine 
grosse Menge farbigen Lichtes auf unsere Augen wirken lassen, z. 11. 
wenn wir durch ein farbiges Gläschen sehen, die Farbe desselben 
im ersten Augenblicke mit der vollen Energie auf uns wirkt, diese 
aber von Moment zu Moment abnimmt und zwar in solchem Maasse, 
dass Leute, welche eine farbige Grille tragen, oft nachdem sic die¬ 
selbe kurze Zeit vor den Augen gehabt haben, sich nicht mehr deut¬ 
lich bewusst sind, dass sie die Gegenstände in anderen als in den 
natürlichen Farben scheu. In demselben Maasse aber, in dem für uns 
die Energie des Farbeneindruckes verloren geht, muss offenbar auch 
unsere \ orstellung vom \\ eiss verändert werden, und wir werden des-
        

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