Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Über die Compensation der physischen Kräfte am menschlichen Stimmorgan: Mit Bemerkungen über die Stimme der Säugethiere, Vögel und Amphibien
Person:
Müller, Johannes
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit16146/35/
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sich an Höhe gleich blieb, war der Ton im Klang, je nach der 
Compression der Stimmbänder, sehr verschieden. Bei einer ge¬ 
wissen Stärke des Drucks hatten die Brusttöne ihren vollsten 
Klang, bei weiterer Verstärkung nahm der Klang an Fülle ab und 
bekam eine gepresste Schwäche, die wir auch künstlich an uns 
selbst hervorbringen können. 
In dieser Hinsicht ist also dem menschlichen Stimmorgan eine 
neue Bedingung zu einer sehr umfangreichen Aenderung des Klanges 
gegeben und man erstaunt, dafs die Mittel, welche wir in der Mo¬ 
dulation der Sänger bewundern, bis so weit sich physikalisch am 
Stimmorgan nachweisen lassen. Jedes Organ kann dieselben 
Töne, frei und gepresst, geben in den mannigfaltigsten Ver¬ 
schiedenheiten, die Uebung und Schule des Gesangs bringt dem 
Sänger alle seine Mittel zum Bewufstsein und lehrt die Mittel so 
anzuwenden, dafs er nur die angenehmsten Töne producirt. 
Alle bis jetzt erläuterten Facta sind an Kehlköpfen wahrzu¬ 
nehmen, die nur die unteren Stimmbänder besitzen, und an denen 
die oberen Stimmbänder und die morgagnischen Ventrikel weg¬ 
geschnitten sind. Die Versuche müssen in ganzer Vollständigkeit 
zuerst in dieser Weise angestellt werden, ehe man weiter gehen 
kann. Denn man muss die Wirkungen aller Elemente für sich 
kennen, ehe man ihren Antheil an dem zusammengesetzten Me¬ 
chanismus studiren will. 
Ich habe es nicht versäumt sofort auch den Antheil der ela¬ 
stischen Wände über den unteren Stimmbändern zu studiren. 
Der nächste Schritt ist, dass man die Versuche an Kehlköpfen 
anstellt, welche den Kehldeckel, die oberen Stimmbänder und die 
morgagnischen Ventrikel noch besitzen. Das Verfahren ist ganz 
dasselbe wie bei den vorigen Versuchen. Die Basen der Cartila- 
gines arytenoideae müssen zusammengebunden und als hintere 
Wand des Kehlkopfes befestigt werden. Man wird sich bald 
überzeugen, dass die Töne im Klang ganz dieselben sind, und 
dass man hierbei durchaus keine neuen Elemente kennen lernt. 
Um die Bruststimme zu erhalten ist es wieder nöthig, die Stimm¬ 
bänder durch seitlichen Druck einander zu nähern. Ich habe 
mir die Frage vorgelegt, ob die obern Stimmbänder, welche durch 
die elastische Bedeckung der Ventrikel mit den untern Stimmbän¬ 
dern Zusammenhängen, vielleicht in einem Verhältnis der Com¬ 
pensation zu den unteren Bändern stehen, so dass z. B. ungleiche 
Spannungen der oberen und unteren Bänder sich compensiren, 
wie man es der Theorie nach erwarten muss, dass ein der Span¬ 
nung der unteren Bänder entsprechender Ton durch geringere Span- 
nung der oberen Bänder vertieft würde und umgekehrt. Um diess 
auszumitteln, habe ich an einem und demselben in seiner Befestigung 
bleibenden Kehlkopf den höchsten, durch das Maximum der Span¬ 
nung erreichbaren Ton bestimmt, bei vorhandenen oberen Bändern 
und hernach noch einmal nach Wegnahme derselben und der mor¬ 
gagnischen Ventrikel. Die oberen Bänder modificirten aber merklich 
die Höhe des Tons nicht. Dass die oberen Bänder und die Ven¬ 
trikel nicht zur Stimmbildung nothwendig sind, ergiebt sich schon 
aus ihrem Mangel bei vielen Säugethieren, namentlich den
        

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