Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Ueber den feinern Bau und die Formen der krankhaften Geschwülste
Person:
Müller, Johannes
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit16135/9/
nur einzeln tot unter zellartigen runden Bildungskugeln des Markschwammes, welche dann die Hauptmasse bilden 
können, wie ich sie zweimal im Markschwamm der Leber und in einem ungeheuren Markschwamm der Bauchhöhle 
gesehen. Ebenso können sie einzeln im melanotischen Carcinoma Vorkommen, wie ich mehrmal gesehen. Zuweilen sind 
sie in ungeheurer Menge vorhanden und bilden den Haupttheil einer Geschwulst? so sah ich sie einmal in Mark¬ 
schwämmen des Oberschenkels und der Unterleibshöhle, aber ohne bestimmte fasciculirte Anordnung. Diese Geschwulst 
Jiess sich auch weniger in bestimmter Richtung reissen. Sie können aber auch sehr regelmässig geordnet seya und 
Fascikel bilden, indem sie derselben Direction folgen. Dann entsteht für das blosse Auge der Anschein von Fase¬ 
rung. Dergleichen falsche Faserbündel sind immer weich und leicht zu zerreissen oder gar zu brechen. In der faser- 
artigen Verbindung sind sie von Valentin als Structur des Encepbaloids beschrieben und abgebildet. Vergl. Tab. II. 
Fig. 11. 16. unserer Abbildungen. 
Die geschwänzten Körper sind keine dem Markschwamm eigentümliche Bildung; ich habe sie zwar wiederholt 
«n Markschwamm gesehen, aber sehr oft fehlen sie darin, dagegen kommen sie eben so oft, als man sie im Mark¬ 
schwamm bemerkt, in nicht krebshaften Geschwülsten vor. In sehr unregelmässiger Verbreitung die Hauptmasse bil¬ 
dend sah ich sie in einem albuminösen Osteosarcom des Unterkiefers, welches mit vollkommen glücklichem Erfolge 
exstirpirt worden (Tab. II. Fig. 17.), ferner in der Telangiectasie. In der faserartigen von Valentin beschriebenen 
Anordnung sah ich sie fast die ganze Geschwulst bildend, in einem grossem gutartigen Schwamm der Conjunctiva 
palpebrarum. Tab. II. Fig. 16. Diese gelappte Geschwulst lässt sich brechen und hat einen faserigen Bruch, indem 
wie von einem gemeinsamen Mittelpunct Fascikel nach allen Richtungen gegen die Oberfläche fahren. Sie gehört wie 
die Vorhergehenden unter die gutartigen aibuminösen Sarcome. Der Schwamm wurde dreimal exstirpirt und kehrte 
wieder, weil man ihn mehr angeschnitten als ausgeschnitten hatte. Nach der letzten Exstirpation, wobei man auch 
das Auge selbst wegnaliin, blieb er aus und das Individuum wurde vollkommen hergestellt. Er gieng faustgross ledig¬ 
lich von der Conjunctiva aus, der Augapfel war vollkommen gesund. Siehe die von Helling erzählte Kranken¬ 
geschichte zu diesem Fall in Rust’s Magazin Bd. II. 
Die geschwänzten Körperchen sind also theils Elemente von krebsartigen, theils Elemente von vollkommen gut¬ 
artigen albuminösen Sarcomen. In Geschwülsten, welche beim Kochen sich in Leim auflöseu, habe ich sie noch nicht 
Zahlreich beobachtet. Indessen mögen sie wohl auch hier zu gewisser Zeit zahlreich Vorkommen, denn sie beruhen, 
wie sich sehr wahrscbeiulich machen lässt, bloss auf einer Transformation von Zellen in Fasern und sind also bloss 
Bildungsstufe der Faser. 
Auch die Art der Entwickelung der mikroskopischen Formen der Geschwülste bedingt Unterschiede ihres 
Baues. Am genauesten lässt sich die Entwickelungsgeschichte in den zelligen Geschwülsten verfolgen, nachdem 
Srlnranns Entdeckungen über die Entwickelung der gesunden Gewebe den Grundstein für Untersuchungen die¬ 
ser Art gelegt haben. Die primitive Bildung fast aller thierischen Gewebe ist nach Schwann’s Beobachtungen zellig, 
tind diese Zellen haben dieselbe Structur wie die Pflanzenzellen, und entstehen und wachsen auf das genaueste nach 
denselben Gesetzen, welche Schleiden für die Pflanzenzellen zuerst entdeckte. Eine noch junge Zelle enthält immer 
einen Kern in ihrer Wand, aus welchem sie zuerst entsteht. Sie entsteht aber entweder innerhalb einer andern Zelle und 
also aus einem Kern, der in der Höhle einer andern Zelle ohne Zusammenhang mit der Wand derselben sich bildet, 
öder ausser den schon vorhandenen Zellen. Das erstere wurde von Schwann beim Knorpel und bei der Chorda dorsalis 
nacbgewiesen, das letztere scheint bei vielen andern Bildungen stattzufinden, denn alle Gewebe des Embryo bestehen nach 
Schwann’s Beobachtungen aus Zellen mit Kernen der Wand, aber nicht bei allen lässt sich eine Entstehung der neuen 
Zellen im Innern der alten nachweisert; auch beim Erwachsenen hat man ein Beispiel beständiger neuer Bildung von 
Zellen mit Kernen der Wand ausser den alten Zellen an den Epitheliumzellen, welche keine Einschachtelung von 
Zellen zeigen. Die Bildung der jungen Zelle lässt sich übrigens am besten in den Fällen beobachten, wo sich 
die junge Zelle im Innern der alten bildet, d. h. wo sich die Kerne zu neuen Zellen im Innern der alten ansetzen. 
Diese Entwickelung geschieht nach den Beobachtungen von Schleiden für die Pflanzen, von Schwann für die Thiere 
auf diese Weise. 
Die Kerne treiben aus sich eine junge Zelle hervor, die dann nm Kern hervortritt wie das Uhrglas auf der 
Uhr. Bei fortschreitendem Wachstbum wird die aus dem Kern hervorgetriebene junge Zelle grösser und der Kern 
bleibt in ihrer Wand liegen. Entstehen mehrere junge Zellen aus mehreren Kernen im Innern einer Mutterzelle, so 
füllen sie herangewachsen die Mutterzelle ganz an, und ihre Wände verschmelzen mit den Wänden der Mutterzelle. 
In diesen jungen Zellen bilden sich wieder Kerne im Innern, aus ihnen entstehen wieder Zellen der dritten Gene¬ 
ration und so weiter fort. Die Wände der jungen Zellen sind vollkommen durchsichtig. Die älteren Zellen ver¬ 
dicken ihre Wände, und in mehreren Fällen entsteht bei den Thieren Faserbiidung in den Wänden. Auf diese 
Weise bilden sich die Zellen und wachsen im Knorpel und der Chorda dorsalis, wahrscheinlich auch in der Decidua. 
Dass sich diese Art von Entwickelung in den pathologischen Bildungen wiederholen werde, konnte erwartet 
Wörden. In der That bilden sich die jungen Zellen im Enchondrom, im Cancer alveblaris ganz auf dieselbe Weise 
wie im Knorpel und in der Chorda dorsälis, bei mehreren Formen des Krebses und beim zelligen Sarcorn wird dieselbe 
Bildungsaft aus meinen Beobachtungen sehr wahrscheinlich. 
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