Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Ueber den feinern Bau und die Formen der krankhaften Geschwülste
Person:
Müller, Johannes
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit16135/55/
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sah es in der Geschwulst zwischen Uterus und Mastdarm. Ich sah es in einem Cystosarcom der Brustdrüse, dreimal 
in einer Cyste unter der Haut. Am häufigsten ist bis jetzt die Geschwulst im Gehirn beobachtet, nämlich unter IG Fäl¬ 
len sechsmal, in und an den Knochen ist es dreimal, in Geschwüren zweimal gesehen. 
In den Knochen vorkommend treibt es die Rinde derselben auf oder durchbricht sie auch, wie Dupuytren am 
Unterkiefer und ich am Schädel beobachtete. 
Die Formen, unter welchen das Cholesteatom auftritt, sind folgende: 
A. Cholesteatom in Cysten. Cholesteatoma cysticum. 
Bei dieser Form liegt die gewöhnliche Masse des Cholesteatoms im Innern einer Cyste. Schon beim Cholesteatom 
des Gehirns sah ich die Geschwulst von einer feinen Haut eingeschlossen. In dein einen Fall war diese Cyste in 
die Oberfläche einer Hemisphäre eingebettet, in dem andern bildete das Cholesteatom eine sehr grosse unregelmässige 
Geschwulst im Innern der Seiten Ventrikel und über dem dritten Ventrikel, war aber auch hier in einer feinen Haut 
eingeschlossen. Auch das Cholesteatom im Hinterhauptsbein war durch eine sein* feine Haut von der Kuochensub- 
stanz des Schädels geschieden. Diese Haut hatte keinen zelligen Bau wie das Cholesteatom selbst, sondern 
war undeutlich faserig. Ein Cystosarcom der weiblichen Brust, welches von Herrn Hofrath v. Brunn in Coe- 
then mit glücklichem Erfolg exstirpirt worden, enthielt in einer der Cysten ganz frei eine ansehnliche Masse, die 
ich sogleich für Cholesteatom erkannte, und welche dann unter dem Mikroskop untersucht, die polyedrischen Zellen 
und die gewöhnlichen Crystalle zeigte. Zuweilen bildet sich das Cholesteatom in einem dickhäutigen Balge unter 
der Haut aus. So sah ich es in 3 Fällen. Die mikroskopische Untersuchung zeigte immer die vollkommenste Ueber- 
einstimmung. 
B. Cholesteatom auf Geschwüren. 
Hieher gehört die eine Beobachtung von Dupuytren, weicher die Masse in Urinfisteln fand, und eine Beob¬ 
achtung von mir. Ich fand nämlich bei mikroskopischer Untersuchung eines Krebsgeschwürs der weiblichen Brust, 
auf der Oberfläche desselben eine eigene Schichte, die ich sonst noch nie an Krebsgeschwüren, weder früher noch 
später gesehen habe, und diçse Schichte bestand ganz aus der talgartigen Masse des Cholesteatoms und hatte die ge¬ 
wöhnliche Structur aus polyedrischen Zellen ohne Zellenkerne. 
e. Entwickelungsgeschichte. 
Man kann mit ziemlicher Gewissheit annehmen, dass das Cholesteatom ohne Blutgefässe ist. Solche wurden 
weder von mir noch von einem andern Beobachter gesehen, überdies beweist die Bildung der Polyeder des Chole¬ 
steatoms in schichtweiser Aggregation innerhalb der Cysten beim cholesteatoma cysticum, dass es sich ganz unabhängig 
von eigener Blutgefässbildung vermehren kann. Seine Bildung muss daher auf ähnliche Weise erfolgen wie die Bildung 
der Dotterzellen im Innern der Höhle der Doltermembrau, und wie die schichtweise Vermehrung der Epitlielinmzellen, 
mit welchen seine Zellchen ohnehin so viel Aehnlichkeit haben, dass sie ihnen bis auf den Mangel eines Kernes glei¬ 
chen. Die hornigen Gebilde auf der Oberfläche der Haut haben daher eine grössere Aehnlichkeit in der Bildung mit 
dem Cholesteatom als das gewöhnliche Fettzellengewebe, denn die Fettzellen besitzen auf ihren Wänden Blutgefässe, 
wie an feinen Injectionen leicht zu sehen ist. Indessen ist der Unterschied doch bei näherer Untersuchung minder gross. 
Die ursprüngliche Genesis der zelligen Gebilde erfolgt unabhängig von Blutgefässen auf eine der Pflanzenvegetatiou 
ähnliche Weise. Solches geschieht auch bei der Epidermis- und Epitheliumbildung, bei denen sich die neugebildeteil 
Zellen mehr und mehr von dem Heerde der Formation entfernen und ihr Leben verlieren, in dem Maasse als junge 
Zellen in den tieferen Schichten der Epidermis nachentstehen. Durch die Epitheliumbildung und die Dotterzellenbildung 
lässt sich nun die Entstehung und das Wachsthum des Cholesteatoms vorläufig am meisten erläutern. Dass die einmal 
gebildeten Zellen noch weiter fort vegetiren und produciren, wie die Zellen in anderen Theilen, ist unwahrscheinlich, 
denn nie habe ich eine Einschachtelung von Zellen oder das Verhäituiss von Mutterzellen und darin enthaltenen 
Keimzellen im Cholesteatom beobachten können. Die einmal gebildeten Zellen rücken weiter, indem sich an dem Orte 
der Bildung neue erzeugen, wie bei den Epitheliumbildungen, und so entsteht die geschichtete Structur. 
f Natur des Cholesteatoms. 
Das Cholesteatom ist, wenn es nicht im Gehirn durch Druck zuletzt tödtliche Folgen herbeiführt, keine bös¬ 
artige Krankheit. Habe ich gleich die pflanzenartigeu polyedrischen Zellen des Cholesteatoms einmal auf der Ober¬ 
fläche eines offenen Brustkrebses beobachtet, und fand Cruveilhier Kugeln der perlmutterglänzenden Materie einmal 
in einer krebshaften Geschwulst des Hodens (anat. path. livr. 5. tab. I. fig. 2.), so ist dies mir eine ungewöhn¬ 
liche Complication und es liegt wenigstens in mehreren Fällen der Beweis vor, dass das Cholesteatom nach der Ex¬ 
stirpation nicht wiederkehrt. Hierher gehören schon mehrere Fälle von cholesteatoma cysticum unter der Haut, 
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