Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Ueber den feinern Bau und die Formen der krankhaften Geschwülste
Person:
Müller, Johannes
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit16135/42/
untersucht. In beiden Fällen erhielt ich durch sehr langes Kochen weder Leim noch Knorpelleim. Das Extract blieb 
dünnflüssig, gelaünirte beim Eindampfen nicht, durch das Filtrum ging es trüb, durch ein feineres Filtrum klar braun- 
gelblich; es wurde zwar von Galläpfeltiuktur und Weingeist, aber nicht von Essigsäure, essigsaurem Bleioxyd, schwefel¬ 
saurem Eisenoxyd gefällt. Schwefelsäure Thonerde bewirkte keinen merklichen Niederschlag, nur einige wenige 
Flöckchen, die bei Aufmerksamkeit sichtbar wurden und sich in viel überschüssiger schwefelsaurer Thonerde lösten. 
Liquor kali caustici bewirkte einen Niederschlag. Ich rede nur vom höchsten Grad von Ostéomalacie; denn die von mir 
untersuchten Knochen waren ganz biegsam und weicb. Die zackigen Knochenkörperchen sind in solchen Knochen noch 
sichtbar, aber die Materie hat offenbar eine eigentümliche Umwandlung erlitten. In dem Fall von einer Ziege wurden 
die biegsamen Stücke durch langes Kochen bröcklich, das Wasser wurde beim Kochen immer trüb und mit viel Fett 
gemengt. Die osfeomalacischen Knochenstücke vom Menschen (Fersenbein), welche noch viel weicher waren, ent¬ 
hielten in der spongiösen Substanz eine grosse Menge Fett. Ich kochte daher zuerst in Weingeist, wodurch das 
Fett ausgezogen wurde. Das übrige Gewebe war häutig biegsam, und wurde beim langen Kochen immer weicher, 
ohne aufzuquellen. Es scheint dass der Knorpel bei der Ostéomalacie sich durch Umsetzung seiner Bestandteile oder 
durch Verbindung mit Salzen so verändert, dass eine Substanz bleibt, welche durch Kocheu zum Theil extrahirt wer¬ 
den kann, welche aber in der Kälte nicht gelatmirt. In Knochen, welche weniger erweicht sind, und in rhachitischeu 
Knochen, die weniger verändert scheinen, dürfte eine solche Umwandlung schwerlich angenommen werden können. 
Es schien mir zwecklos rhachitisch verkrümmte Knochen zu untersuchen, die nicht aus der Zeit der Erweichung her- 
rühren. Wenn diese vorüber ist, unterscheiden sich dergleichen Knochen von anderen hauptsächlich nur durch die 
bleibenden Krümmungen. 
Diese Untersuchung zeigt nunmehr den grossen Unterschied zwischen der Knochenerweichung und den Verän¬ 
derungen, welche der Knochen durch das Enchondrom erfährt. Bei der wahren Erweichung verliert der Leim der 
Knochen ganz seine Natur, bei dem Enchondrom hingegen entsteht neue primitive Knorpelbildung in derselben Weise 
wie bei der ersten Erzeugung der Knorpel, und diese neue Masse bat daher chemisch nicht einmal Aehnlichkeit mit 
dem Knorpel eines ossificirten Knorpels, sondern ist wahres Chondrin. Beim Kochen des Inhaltes aus einer der merk¬ 
würdigsten Formen von Enchondrom der Knochen erhielt ich eine Menge Extract, welches beim Erkalten vollkommen 
gelatinirte, aber diese Gallerte war Chondrin, denn ihre Auflösung wurde von Alaun, Essigsäure, essigsaurem Bleioxyd, 
schwefelsaurem Eisenoxyd gefällt, und mit einigen Tropfen Alaunlösung konnte aus einer grossen Menge aller Leim 
in dicken Klumpen ausgefällt werden, die sich in heissein Wasser nicht wieder lösten. Bei dieser Krankheit ent¬ 
wickelt sich also permanenter Knorpel mit Wucherung im Innern des Knochens. 
B. Enchondrom der weichen Theile. 
Die chemische Untersuchung des Enchondroms der weichen Theile zeigte Verschiedenheiten und keine volle 
Uebereinstimmuug. Eine knorpelige sehr feste Geschwulst des Hodens, die sich neben Carcinoma reticulare isolirt in 
diesem Organ bei einem altern Manne gebildet, und in welcher die Knorpelzellchen durch feste Zwischenmasse ge¬ 
trennt w7aren, gab beim Kochen das gewöhnliche Chondrin; das schon erwähnte viel weichere Enchondrom der Paro¬ 
tis, welches mit viel mehr häutigen Theilen durchwebt ist, und welches durch und durch aus Zellen besteht, wie der 
embryonische Knorpel, gab dagegen kein Chondrin, sondern bald beim Kochen sehr viel gelatiuirenden Leim. Die 
Ursache dieses Unterschiedes ist mir nicht bekannt geworden. 
5. Entwicklungsgeschichte des Enchondroms. 
A. Mikroskopische Entwickelungsgeschichte. 
Die Entwickelungsgeschichte des Enchondroms ist ganz diejenige der primitiven Chondrogenesis. Man kannte 
früher die durch und durch zellige Structur des Knorpels nur als isolirtes Phänomen bei einigen permanenten Knor¬ 
peln und bei einigen niederen Wirbelthieren. Miescher hatte sie in dem Ohrknorpel und Kehldeckel des Menschen und 
der Säugeihiere, ich in den weicheren Knorpeln der Cyelostomen beobachtet, wo dagegen die festeren Knorpel nicht 
zeitig sind und nur die zerstreuten sogenannten Knorpelkörperchen mit festerer Zwischensubstanz zeigen, und ich hatte 
gezeigt, dass die zellige Structur in einem und demselben Knorpel unmerklich in die sogenannten Knorpelkörperchea 
übergeht Schwann bewies nicht bloss, dass die Knorpel aller Thiere ursprünglich beim Embryo zellig sind, son¬ 
dern erkannte erst das Priucip ihrer Bildung aus den von ihm zuerst beobachteten Kernen der Zellen und die Bil¬ 
dung der jungen Zellen in den alten. 
Unter den hier beschriebenen Knorpelgeschwülsteii glich nur diejenige des Hodens dem Knorpel mit isolirten 
Knorpelzellchen und intermediärer fester Substanz. Die weichere Substanz der übrigen Geschwülste hatte dagegen 
fast durchgängig die embryonische zellige Structur. 
*) Vergleichende Anatomie der Myxinoiden, Abhandlungen der Konigt. Akademie der Wissenschaften zu Berlin aus dem Jahre 1834. Berlin. 1836 
png. 133. 134.
        

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