Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Ueber den feinern Bau und die Formen der krankhaften Geschwülste
Person:
Müller, Johannes
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit16135/31/
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die Abhandlung yon v. Walther verweisen. Derselbe macht es wahrscheinlich, dass dies solche Ursachen sind, welche 
nicht reizend genug wirken, um eine reine Entzündung hervorzurufen, aber durch wiederholte Einwirkungen die 
Reizbarkeit abstumpfen, oder gleich von Anfang ihrer Einwirkung die gesunde, in harmonischer Wechselwirkung 
mit dem Ganzen thätige Vegetationskraft stören, *wie Quetschungen u. a. Ein in diesen Zustand versetztes Organ ist 
dann später, wenn auch die zur Entzündung sonst hinreichenden Ursachen eintreten, zur Entwickelung einer einfachen 
und in sich abgeschlossenen Entzündung nicht fähig. 
Die Art der Ausbildung der carcinomatosen Dyscrasie aus einer bloss örtlichen Disposition entgeht den wei¬ 
teren Forschungen. Indessen lässt sich sehr gut einsehen, wie, wenn einmal Zellen mit productiver Tendenz ent¬ 
standen sind, die Aufnahme der Keimkerne in die Circulation ihre Verbreitung mit derselben an einen zu ihrer Ent¬ 
wickelung geeigneten Boden und secundäre Geschwülste bedingen kann. Ob hiermit die Erscheinung markschwamm¬ 
artiger Massen im Innern der grossen Blutgefässe, namentlich der Venen, die von A. Cooper, Crnveil/äer, Carswell u. A. 
beobachtet ist, in Zusammenhang gebracht werden könne, ist zweifelhaft, da man nicht sicher weiss, ob diese Massen 
ohne organischen Zusammenhang mit den Gefässen sind. Ich habe noch keine Gelegenheit gehabt eine genauere Un¬ 
tersuchung hierüber anzustellen. Siehe über diesen Gegenstand Cruveil/iier anal, patliol. livr. 18. Carswell a. a. O. 
Carcinoma. A. Cooper die Bildung und Krankheiten des Hodens. Weimar. 1832. II. Taf. 9. 
VIII. Gewisse Geschwülste, welche an sich durchaus nicht krebsartig sind, und in deren 
Natur es liegt, durchaus örtlich bleiben zu können, können unter gewissen Bedingungen die ört¬ 
liche Disposition zum Krebs leichter ausbilden. 
Hieher scheinen vorzüglich die Telangiectasien und Muttermäler gerechnet werden zu müssen, von denen 
v. Walther gezeigt, dass sie unter fortdauernder Reizung aus inneren oder äusseren Ursachen sich zu Schwämmen 
entwickeln, deren physiologische Eigenschaften denen der krebshaften Geschwülste gleich sind. Sie sind weniger als 
andere Theile einer einfachen Entzündung und ihrer reinen Ausgänge fähig. 
IX. Viele vom Krebs verschiedene Geschwülste haben hingegen selbst bei wiederholten 
M ishandlungen keine Neigung zur Entwickelung der krebshaften Disposition, oder richtiger 
ihre Neigung zur Disposition des Krebses ist wenigstens nicht grösser als die anderer ge¬ 
sunder Gewebe. 
Hieher gehören erwiesenermassen die einfachen Fettgeschwülste, die sehnigen fibrösen Geschwülste oder Des- 
moiden, wie die Untersuchungen von Baylelehren. Nicht grösser ist diese Disposition nach meinen Untersuchun¬ 
gen beim Enchondrom, Cholesteatom, Cystosarcom, und bei den eiweissartigen Sarcomen und Osteosarcomen fzelliges 
Sarcom, Sarcoin mit geschwänzten Körperchen und faseriges Sarcom). Reizungen, theilweise Excisionen, bedingen 
zwar ein stärkeres Fortwuchern dieser Geschwülste, aber mit ihrer vollständigen Exstirpation hört auch ihre Repro¬ 
duction auf, und wenn sie nachtheilig auf die gesammte Constitution wirken, so thun sie es bloss durch Säfteverlust. 
Ein von mir untersuchtes ei weissartiges Sarcom der Pockelsschen Sammlung, welches sich in der weiblichen Brust 
entwickelt batte, verursachte aufgebroclien die drohendsten Blutungen und wurde doch von Pochels mit völlig glück¬ 
lichem Erfolg exstirpirt. Ein Sarcoma der Conjunctiva kehrte nach mehrmaliger Operation, weil unvollständig exstir- 
pirt, wieder, blieb aber nach der dritten Exstirpation durch Dr. Helling aus. Ich verweise in Hinsicht des Nähern 
auf die spätem Untersuchungen. 
X. Jede Form des Krebses scheint in allen Lebensaltern und in allen Organen vorzukom¬ 
men, einige Organe sind aber in bestimmten Lebensaltern mehr dem Krebs als andere ausgesetzt. 
Vom Markschwamm ist es längst bekannt, dass er alle Lebensalter ohne Unterschied befällt. Dass aber auch 
das Carcinoma reticulare, die gewöhnliche Degeneration der krebshaften Weiberbrust in den älteren Jahren, eine auf 
alle Alter sich ausdehnende Krankheit ist, hatte ich vielfach Gelegenheit zu beobachten. Ich sah es mehrmal in der 
Orbita der Kinder. Dasselbe gilt vom Carcinoma melanodes. Der gewöhnliche Brustkrebs steht daher als Krebsform 
in keiner nähern aitiologischen Beziehung zu den klimakterischen Jahren der Frauen, diese Verbindung bezieht sich 
bloss auf das Organ. Die Brust wird wie der Uterus zu dieser Zeit häufiger vom Careinom befallen. Aber jene 
Form des Carcinoms ist allen Altern eigen. 
Dass eine bestimmte Form des Carcinoms einem bestimmten Gewebe eigen sey, ist öfter behauptet worden, ist 
aber nicht gegründet. Vom Markschwamm ist es allgemein anerkannt, dass er in allen Organen und Geweben Vor¬ 
kommen könne. In der Orbita hat er auch eine gleiche Beziehung zu allen Theilen des Auges. Es hat keinen rich¬ 
tigen Sinn zu fragen, ob er hier vom Sehnerven oder von der Choroidea oder andern Theilen des Auges ausgehe. 
In einzelnen Fällen mag die vorwiegende Affection des einen oder andern Theiles deutlicher seyn ; es giebt aber Fälle, 
wo Augenmuskeln, Sclerotica, Choroidea, Sehnerven, Glaskörper dieselbe Generation gleichzeitig wahrnehmen lassen, 
wie aus den zahlreichen Schriften über diesen Gegenstand hervorgeht, und ich aus eigener Erfahrung an den von 
*) Dictionnaire des sciences médicales. T. 7. Corps fibreux de la matrice. 
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