Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Ueber den feinern Bau und die Formen der krankhaften Geschwülste
Person:
Müller, Johannes
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit16135/12/
Erste A b t h eil u n g. 
Untersuchungen über den feinem Bau der krebshaften Geschwülste. 
Krebshaft können im Allgemeinen alle Geschwülste genannt werden, welche die natürliche Slrtictur aller Gewebe 
aufheben, welche gleich anfangs constitutioneil sind, oder es im natürlichen Verlauf ihrer Entwickelung regelmässig 
werden, welche eonstitutionell geworden regelmässig nach der Exstirpation wiederkehren, und zum sicheren Ruiu det 
Individuen führen. Die bieher gehörigen Formen sind äusserst verschieden, gehen aber doch in einzelnen Fällen un- 
meiklich in einander über. .Hierin und in dem Umstand, dass eine Form nach der Exstirpation die andere ersetzen 
kann, oder dass verschiedene Formen gleichzeitig bestehen, zeigt sich die physiologische,Verwandtschaft von Bildun¬ 
gen, deren Extreme oft nicht die geringste Aehnlichkeit der Structur haben. Nach der Exstirpation des gemeinen 
Brustkrebses kann in der Brust oder iu inneren Theilen ein Markschwamm entstehen. In der weiblichen Brust trifft 
sich zuweilen Carcinoma simplex und alveolare zugleich, in der orbita carcinoma reticulare und melanodes. Das Car¬ 
cinoma faseiculatum, durch und durch faserig und ohne alle entfernte Ärmlichkeit Weder mit dem Markschwamm noch 
mit dem gemeinen Krebs, ist ihnen in seinen physiologischen Eigenschaften vollkommen gleich. 
Der allgemeinste anatomische Character der krebshaften Degenerationen ist Verlust des Eigengewebes des be¬ 
fallenen Theiles, welches bei Entwickelung des Krebses verschwindet. Gelasse, Muskeln, Nerven, Drüsen, Kno¬ 
chen und alle auch noch so differente Gewebe werden in dieselbe krebsige Degeneration liineingezogen. Die erste 
Erscheinung der krebsigen Degeneration besteht indess nicht in der blossen Umwandlung der vorhandenen gesunden 
Gewebe in die krebsige Degeneration, sondern in der Entwickelung der Formenelemente des Krebses zwischen den 
Gewebetheilen des Organes, welche sofort die natürliche Structur verdrängen. Man sieht dies an der Art der Pro¬ 
duction der Formenelemente des Krebses. Die Keimzellen des Carcinoms entstehen z. B., wie sich deutlich beweisen 
lässt, nicht aus schon vorhandenen Fasern, sondern selbständig aus einem wahren seminium morbi, das sich zwischen 
den Gewebetheilen des Organes entwickelt. Am deutlichsten ist dies beim Carcinoma alveolare des Magens, in der 
Verändeiung, welche die Muskelhaut erfährt5 zwischen die Muskelbündel der Muskelhaut, welche sich anfangs noch 
erkennen lassen, lagern sich die Keimzellen des Carcinoms ab, und auch später ist noch lange die Schicht der Mus¬ 
kelhaut, wenngleich ungeheuer angeschwollen, zu erkennen, bis durch die gleiche VTucherung der Keimzellen in den 
verschiedenen Häuten des Magens zuletzt alle Spur von Trennung der Schichten und von den natürlichen Gewebe- 
theilen verloren ist. 
Die Umgegend eines Carcinoms verwächst gewöhnlich frühzeitig mit demselben, und es lässt sich daher nicht 
so wie andere Geschwülste leicht verschieben. Das Carcinom des Magens verwächst mit dem Pancreas, mit der 
Leber, das Carcinom der weiblichen Brust mit der Haut oder gar mit dem Brustmuskel. In der weiblichen Brust ist 
auch das Verhalten der Warze cliaracteristisch, welche frühzeitig einsinkt. Doch ist weder die Verwachsung des 
Scirrhus mit der Haut und dem Brustmuskel, noch das Einsinken der Warze ein ganz constantes Merkmal, und ich 
habe öfters krebsliafte Geschwülste untersucht, wo weder das eine noch das andere statt hatte. Das Einsinken der 
Brustwarze beim Brustkrebs hängt davon ab, ob die Degeneration sich in der Nähe der Warze befindet. Wichtig ist 
die Anschwellung der Achseldrüsen beim Brustkrebs, die Existenz ähnlicher Geschwülste in anderen Theilen, in der 
Umgegend der Geschwulst, die Erweiterung der Venen ist hingegen ein unzuverlässiges Zeichen von Bösartigkeit. 
Beim Magenkrebs liefert der Zustand der Muskelhaut ein sehr sicheres anatomisches Zeichen des Krebses, 
welches auch die Form desselben sein möge. In den meisten Fällen der carcinomatösen Entartung der Magenwände 
schwillt nämlich nicht bloss die Muskelliaut sehr auf, sondern zeigt auf dem Durchschnitt ein fächeriges Ansehen, welches 
theils von den Durchschnitten der Muskelbündel, theils aber von Durchschnitten häutiger und fibröser Septa und Cap- 
sein tiemihrt. In den Zwischenräumen der Muskelbündel entwickeln sich nämlich theils die Zellkugeln des Carcinoma 
simplex und eingeschachtelten Zellen des Carcinoma alveolare, theils fibröse Septa verschiedener Richtungen. Die Fä¬ 
cher zeigen oft bei näherer Ansicht neben und übereinander und zwischen den Muskelhündeln liegende häutige fibröse 
Abtheilungen, welche ganz mit gallertigen Zellen gefüllt sind, die wieder kleinere Zellen enthalten, so dass die Cap- 
seln wie im Innern abgetheilt erscheinen. Einigemal beobachtete ich in dem fächerigen Durchschnitt der verdickten 
Muskelhaut auch Capsein, die mit faserigen Massen gefüllt erschienen. Das fächerige Ansehen der Muskelhaut zeigt sich 
schon bei den ersten Anfängen der krebsigen Degeneration, beim Carcinoma alveolare kann es später ganz verschwin-
        

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